Der Essener Chemiekonzern Evonik treibt seinen Umbau weiter voran und kündigt den nächsten großen Einschnitt bei der Belegschaft an. Insgesamt sollen bis 2029 weitere 3.200 Stellen verschwinden. Besonders stark betroffen ist Deutschland: Rund 2.150 Arbeitsplätze entfallen nach den bisherigen Planungen auf den Heimatmarkt des Konzerns, die monrose.de berichtet mit bild.de.
Die Personalmaßnahmen sind jedoch nur ein Teil einer umfassenderen Neuordnung. Evonik will seine Geschäftsbereiche künftig klarer nach unterschiedlichen Rollen ausrichten und auch den sechs großen Produktionsstandorten in Deutschland jeweils spezifische Aufgaben zuweisen. Gleichzeitig rücken Investitionsmöglichkeiten in Asien und Amerika stärker in den Mittelpunkt.

Damit konkretisiert das Unternehmen einen Umbau, dessen Grundzüge bereits zuvor angekündigt worden waren. Für Beschäftigte bedeutet die neue Strategie, dass sich die Veränderungen bei Evonik über mehrere Jahre fortsetzen werden.
Evonik will weitere 3.200 Stellen streichen
Der Evonik Stellenabbau umfasst weltweit rund 3.200 Arbeitsplätze und soll bis zum Jahr 2029 umgesetzt werden. Rund zwei Drittel der betroffenen Stellen liegen in Deutschland. Das zeigt, wie stark der Konzern seine heimischen Strukturen anpassen will.
Dabei soll der Abbau nach den Unternehmensplänen sozialverträglich erfolgen. Betriebsbedingte Kündigungen sind nach aktuellem Stand nicht vorgesehen. Stattdessen setzt Evonik auf mehrere Instrumente, mit denen die Beschäftigtenzahl schrittweise reduziert werden kann.
Dazu gehören insbesondere:
- frei werdende Stellen nicht wieder zu besetzen;
- Beschäftigten einen früheren Übergang in den Ruhestand zu ermöglichen;
- freiwillige Austritte mit Abfindungen zu vereinbaren;
- organisatorische Strukturen zu verschlanken;
- einzelne Aktivitäten aus dem Konzern herauszulösen.
Der neue Sparplan kommt zusätzlich zu Maßnahmen, die bereits laufen. Bis Ende 2026 sollen im Rahmen früher beschlossener Effizienzprogramme rund 2.800 Stellen entfallen.
Für die Belegschaft ist damit nicht nur eine einzelne Sparrunde entscheidend. Mehrere Programme greifen zeitlich ineinander und verändern die Struktur des Konzerns über Jahre. Vor allem an deutschen Standorten dürfte der Umbau deshalb im Arbeitsalltag deutlich spürbar werden.
Deutsche Evonik-Standorte bekommen neue Rollen
Neben dem Personalabbau verändert Evonik auch die Organisation seiner Produktion. Die sechs großen deutschen Standorte sollen künftig klarer definierte Rollen innerhalb des Konzerns übernehmen.
Das Ziel besteht darin, Investitionen, Produkte und Produktionsaufgaben stärker danach zu ordnen, welchen Beitrag ein Standort innerhalb der Unternehmensstrategie leisten soll. Eine solche Aufteilung kann bedeuten, dass bestimmte Werke stärker auf Wachstum, andere eher auf effiziente Produktion oder spezialisierte Technologien ausgerichtet werden.
Damit soll das Produktportfolio von Evonik nicht mehr nur als Sammlung einzelner Geschäftsbereiche betrachtet werden. Stattdessen sollen Produkte und Standorte stärker danach bewertet werden, welche Funktion sie im Gesamtkonzern übernehmen.
Für die Belegschaften vor Ort kann diese Rollenverteilung langfristig erhebliche Bedeutung haben. Investitionsentscheidungen, Erweiterungen oder die Zukunft einzelner Produktionslinien hängen stärker davon ab, ob sie zum festgelegten Profil eines Standorts passen.
„Vorstand, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertreter teilen eine Überzeugung: Wir befinden uns in einer strukturellen und ökonomischen Krise unserer Industrie“, erklärte Übergangschef Claus Rettig zur Lage.
Die Formulierung zeigt, dass der Konzern den Sparkurs nicht als kurzfristige Reaktion auf ein einzelnes schwaches Quartal betrachtet. Evonik sieht grundlegend veränderte Bedingungen für die Chemieproduktion in Deutschland und Europa.
Deutschland verliert 2.150 Stellen
Von den angekündigten 3.200 Stellen sollen allein 2.150 Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen. Damit entfällt der größte Teil des neuen Personalabbaus auf deutsche Standorte.
Die Dimension wird noch deutlicher, wenn frühere Programme einbezogen werden. Ende 2025 beschäftigte Evonik nach den vorliegenden Angaben noch 31.053 Menschen. Das waren bereits knapp 900 weniger als ein Jahr zuvor.
| Maßnahme | Umfang | Zeitraum |
|---|---|---|
| Bereits laufendes Spar- und Effizienzprogramm | rund 2.800 Stellen | bis Ende 2026 |
| Neuer angekündigter Stellenabbau | 3.200 Stellen | bis 2029 |
| Davon in Deutschland | 2.150 Stellen | bis 2029 |
| Beschäftigte Ende 2025 | 31.053 | Stand Ende 2025 |
Hinzu kommen geplante Veränderungen bei Tochtergesellschaften. Von Oxeno und Syneqt, die zusammen rund 4.300 Beschäftigte haben, will sich Evonik trennen.
Werden bereits umgesetzte Programme, der neue Stellenabbau und mögliche Abgänge durch Verkäufe zusammengenommen, könnte die Zahl der Beschäftigten, die künftig nicht mehr zum Evonik-Konzern gehören, insgesamt um rund 10.000 sinken. Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um klassische Entlassungen, sondern um unterschiedliche Maßnahmen von Verkäufen bis zu nicht wiederbesetzten Stellen.

Oxeno und Syneqt sollen den Konzern verlassen
Der Umbau beschränkt sich nicht auf Einsparungen innerhalb der bestehenden Organisation. Evonik plant auch, sich von größeren Unternehmensteilen zu trennen.
Betroffen sind die Töchter Oxeno und Syneqt mit insgesamt etwa 4.300 Beschäftigten. Ein solcher Schritt würde die Konzernstruktur deutlich verkleinern und zugleich Aufgaben aus dem direkten Verantwortungsbereich von Evonik herauslösen.
Für den Konzern ist das Teil einer Strategie, das eigene Portfolio stärker zu fokussieren. Aktivitäten, die nicht mehr zur gewünschten Ausrichtung passen, sollen künftig nicht zwangsläufig im Konzern gehalten werden.
Auch einzelne Geschäftsfelder werden auf ihre Zukunftsfähigkeit geprüft. Bereits angekündigt wurde beispielsweise das Ende des Polyester-Geschäfts, das zuletzt einen Jahresumsatz von rund 150 Millionen Euro erreichte.
Aus Sicht von Industrieexperten ist bei großen Chemiekonzernen inzwischen nicht allein die Höhe des Umsatzes eines Geschäftsbereichs entscheidend. Ausschlaggebend sind zunehmend Margen, Energiekosten, Investitionsbedarf und die Frage, ob eine Sparte langfristig international wettbewerbsfähig betrieben werden kann.
Gerade energieintensive Produktionen stehen dabei besonders unter Beobachtung.
Wachstum soll stärker aus Asien und Amerika kommen
Während Evonik in Deutschland Kosten senkt und Strukturen verschlankt, sucht der Konzern Wachstum zunehmend außerhalb Europas. Vor allem Asien und Amerika stehen im Mittelpunkt der weiteren Investitionsplanung.
Dort prüft das Unternehmen zusätzliche Projekte. Wie groß das Investitionsvolumen ausfallen wird, wurde zunächst nicht konkretisiert.
Die strategische Verschiebung spiegelt ein Problem wider, das zahlreiche deutsche Industrieunternehmen beschäftigt. Investitionen werden international danach bewertet, wo Energie, Rohstoffe, Regulierung, Nachfrage, Förderbedingungen und Produktionskosten besonders attraktiv sind.
Für einen global arbeitenden Chemiekonzern ist diese Rechnung besonders relevant. Anlagen werden häufig für Jahrzehnte gebaut und erfordern hohe Anfangsinvestitionen. Bereits relativ kleine Unterschiede bei dauerhaft anfallenden Energie- und Betriebskosten können deshalb erheblichen Einfluss auf die Standortentscheidung haben.
Evonik versucht entsprechend, seine geografische Aufstellung stärker auszubalancieren. Deutschland bleibt ein wichtiger Produktionsstandort, soll innerhalb des weltweiten Konzerns jedoch offenbar gezielter und selektiver eingesetzt werden.
Die Chemieindustrie kämpft mit hohen Kosten
Evonik steht mit seinen Sparmaßnahmen nicht allein. Die deutsche Chemieindustrie befindet sich seit längerer Zeit unter erheblichem wirtschaftlichem Druck.
Mehrere Faktoren wirken gleichzeitig auf die Unternehmen:
- hohe Energie- und Rohstoffkosten;
- eine schwache Nachfrage in wichtigen Absatzmärkten;
- zunehmender Wettbewerb aus Asien;
- geopolitische Unsicherheiten;
- hohe Investitionskosten an deutschen Standorten;
- Belastungen durch Regulierung und Bürokratie.
Gerade Strom und Erdgas spielen für Chemieunternehmen eine besondere Rolle. Viele Produktionsverfahren benötigen große Mengen Energie, sodass internationale Preisunterschiede erheblich stärker ins Gewicht fallen als beispielsweise bei weniger energieintensiven Dienstleistungsunternehmen.
Ein Chemiewerk kann Produktion nicht beliebig von heute auf morgen verlagern. Gleichzeitig werden neue Anlagen dort gebaut, wo ihre Betreiber über viele Jahre wettbewerbsfähige Bedingungen erwarten. Genau deshalb beeinflusst die aktuelle Kostenlage nicht nur bestehende Arbeitsplätze, sondern auch zukünftige Investitionen.
Auch die schwache Nachfrage belastet die Branche. Sinkt die Auslastung großer Produktionsanlagen, verteilen sich fixe Kosten auf geringere Produktionsmengen. Die Wirtschaftlichkeit einzelner Werke kann dadurch zusätzlich unter Druck geraten.
Auch andere Chemiekonzerne bauen Stellen ab
Der Umbau bei Evonik reiht sich in eine Reihe vergleichbarer Maßnahmen großer Chemieunternehmen ein. Mehrere Konzerne haben Sparprogramme angekündigt oder bereits umgesetzt.
Wacker Chemie plant, bis Ende 2027 mehr als 1.500 Stellen abzubauen. Lanxess hat den Abbau von 550 Arbeitsplätzen angekündigt, davon rund zwei Drittel in Deutschland.
Auch BASF reduziert seine Beschäftigtenzahl im Zuge eigener Programme. Zwischen Ende 2023 und Ende 2025 ging die weltweite Mitarbeiterzahl dort bereits um rund 4.800 zurück.
Die einzelnen Unternehmen verfolgen unterschiedliche Strategien, doch das Grundproblem ähnelt sich: Kosten müssen sinken, Investitionen werden kritischer geprüft und Geschäftsbereiche werden stärker danach bewertet, ob sie langfristig ausreichende Renditen erzielen können.
Für den deutschen Industriestandort ist diese Entwicklung relevant, weil die Chemie eng mit zahlreichen anderen Branchen verbunden ist. Ihre Produkte werden unter anderem in der Automobilindustrie, im Maschinenbau, in der Bauwirtschaft, in der Landwirtschaft, in der Elektronik und bei Konsumgütern eingesetzt.
Industriearbeitsplätze in Deutschland stehen unter Druck
Der Stellenabbau bei Chemiekonzernen fällt in eine Phase, in der die industrielle Beschäftigung in Deutschland insgesamt zurückgeht. Nach den im Ausgangsmaterial genannten Studiendaten sank die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Industrie 2025 auf rund 6,6 Millionen und damit auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren.
Parallel dazu verringerte sich der Anteil der Industrie am gesamten Arbeitsmarkt. Während er 2014 noch bei rund 22 Prozent gelegen haben soll, waren es zuletzt etwa 19 Prozent. Gleichzeitig wuchsen Dienstleistungsbereiche.
Diese Entwicklung bedeutet nicht, dass Deutschland seine Industrie vollständig verliert. Sie zeigt jedoch, dass sich die Struktur des Arbeitsmarktes verändert und klassische Industrieunternehmen zunehmend versuchen, mit weniger Personal effizienter zu produzieren.
Für Beschäftigte in traditionellen Industriezweigen steigt dadurch die Bedeutung von Qualifizierung und Spezialisierung. Besonders gefragt bleiben technische Berufe, Automatisierung, digitale Produktionssteuerung und Tätigkeiten, die eng mit neuen Verfahren und spezialisierten Produkten verbunden sind.
Börse reagiert positiv auf den Sparkurs
An der Börse wurde die Ankündigung des Unternehmens zunächst positiv aufgenommen. Die Evonik-Aktie legte zeitweise um fast fünf Prozent zu.
Eine solche Reaktion ist bei Sparprogrammen nicht ungewöhnlich. Investoren bewerten Personalabbau häufig danach, ob sich dadurch Kosten senken und Margen stabilisieren lassen. Für Beschäftigte haben dieselben Maßnahmen naturgemäß eine völlig andere Bedeutung.
Wie hoch die tatsächlichen Einsparungen des neuen Programms ausfallen sollen, ließ Evonik zunächst offen. Auch konkrete Sonderkosten für Abfindungen, Restrukturierungen und andere Maßnahmen wurden nicht beziffert.
Das ist für die Bewertung des Programms relevant. Stellenabbau spart nicht sofort den vollständigen Betrag der bisherigen Personalkosten. In den ersten Jahren können Abfindungen, Sozialpläne und organisatorische Umbauten erhebliche zusätzliche Ausgaben verursachen.
Der finanzielle Effekt großer Restrukturierungen zeigt sich deshalb häufig erst mit Verzögerung. Kurzfristigen Sonderkosten stehen langfristig niedrigere laufende Kosten gegenüber.
Ob der neue Kurs die Ertragslage dauerhaft verbessert, hängt zudem nicht allein von Einsparungen ab. Entscheidend bleiben Absatz, Preise, Auslastung der Werke und die Entwicklung der internationalen Chemiekonjunktur.
Wie der Evonik-Umbau bis 2029 weitergeht
Für Evonik beginnt mit den neuen Beschlüssen eine weitere Phase des Konzernumbaus. Bis Ende 2026 läuft zunächst das bisherige Effizienzprogramm weiter, durch das rund 2.800 Stellen verschwinden sollen. Danach greifen die zusätzlichen Maßnahmen mit weiteren 3.200 Stellen bis 2029.
Parallel soll klarer werden, welche Rolle die einzelnen deutschen Produktionsstandorte übernehmen. Außerdem stehen die Zukunft von Geschäftsbereichen, die Trennung von Tochterunternehmen und mögliche Investitionen außerhalb Deutschlands auf der Agenda.
Für die Beschäftigten dürfte deshalb nicht allein die Zahl von 3.200 Stellen entscheidend sein. Mindestens ebenso relevant ist, welche Produktionslinien wachsen, welche Aktivitäten verkauft werden und welche Standorte künftig Investitionen erhalten.
Der Konzern versucht damit, auf eine Chemiebranche zu reagieren, in der hohe Kosten und schwache Nachfrage traditionelle Strukturen unter Druck setzen. Der angekündigte Sparkurs bis 2029 zeigt zugleich, dass Evonik nicht mit einer kurzfristigen Anpassung plant, sondern den Konzern über mehrere Jahre neu aufstellen will.