Pflanzlich, natürlich, gesund: Mit solchen Vorstellungen werden Nahrungsergänzungsmittel aus Pflanzen, Algen, Pilzen und Flechten häufig verbunden. Doch gerade bei diesen Produkten sehen Fachleute erhebliche Lücken bei Qualitätskontrolle und Verbraucherschutz. Eine Gruppe aus Wissenschaftlern, Medizinern und Verbraucherschützern fordert deshalb strengere Vorgaben in Deutschland, die monrose.de berichtet mit welt.de.
Im Zentrum der Kritik stehen sogenannte pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel, in der Fachsprache häufig Botanicals genannt. Experten warnen davor, Natürlichkeit mit gesundheitlicher Unbedenklichkeit gleichzusetzen. Bestimmte Pflanzen können pharmakologisch wirksame oder giftige Stoffe enthalten, andere Präparate können durch Verunreinigungen, falsche Dosierungen oder problematische Wechselwirkungen zum Risiko werden.
Experten fordern strengere Regeln für Botanicals
Die Forderung richtet sich an die zuständigen Bundesministerien. Nach Ansicht der Fachleute reicht die gegenwärtige Regulierung nicht aus, um mögliche Risiken von Nahrungsergänzungsmitteln mit pflanzlichen und vergleichbaren Inhaltsstoffen zuverlässig zu erkennen.

Betroffen sind nicht nur klassische Kräuterpräparate. Unter den Begriff Botanicals können sehr unterschiedliche Ausgangsstoffe fallen. Dazu gehören Pflanzen und Pflanzenextrakte ebenso wie bestimmte Produkte aus Algen, Pilzen oder Flechten.
Das Problem beginnt nach Ansicht der Experten bereits vor dem Verkauf. Hersteller müssen Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland zwar beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit anzeigen. Diese Anzeige ist jedoch nicht mit einer behördlichen Zulassung vergleichbar, wie sie Verbraucher beispielsweise von Arzneimitteln kennen.
„Es besteht dringender Handlungsbedarf“, schreiben die beteiligten Fachleute und verbinden ihre Forderung mit möglichen Risiken für die Gesundheit der Verbraucher.
Damit rückt ein Unterschied in den Mittelpunkt, den Käufer im Alltag leicht übersehen: Ein Produkt kann legal als Nahrungsergänzungsmittel angeboten werden, ohne zuvor ein Arzneimittel-Zulassungsverfahren mit entsprechender Prüfung von Wirksamkeit, Qualität und Sicherheit durchlaufen zu haben.
Nahrungsergänzungsmittel sind keine zugelassenen Arzneimittel
Im Regal oder Online-Shop können sich beide Produktgruppen optisch ähneln. Rechtlich bestehen jedoch grundlegende Unterschiede zwischen Nahrungsergänzungsmitteln und Medikamenten.
Nahrungsergänzungsmittel gelten als Lebensmittel. Sie sind dazu bestimmt, die normale Ernährung zu ergänzen. Arzneimittel werden dagegen unter anderen gesetzlichen Voraussetzungen auf den Markt gebracht.
Diese Unterscheidung ist bei Botanicals besonders relevant. Pflanzen können eine Vielzahl chemischer Substanzen enthalten. Die Zusammensetzung eines Extrakts kann unter anderem von Pflanzenart, verwendetem Pflanzenteil, Herkunft, Erntezeitpunkt und Herstellungsverfahren abhängen.
Eine grüne Verpackung sagt nichts über die toxikologische Sicherheit aus. Auch der Begriff „pflanzlich“ ist kein Qualitätssiegel. Entscheidend sind Inhaltsstoff, Konzentration, Reinheit und Dosierung.
Die Experten kritisieren deshalb, dass eine reine Produktanzeige mögliche Sicherheitsprobleme nicht automatisch ausschließt. Gerade bei neuartigen oder hochkonzentrierten Pflanzenextrakten könne eine genauere Bewertung erforderlich sein.
Welche Risiken bei Pflanzenpräparaten auftreten können
Nicht jedes pflanzliche Supplement ist gefährlich. Die Kritik richtet sich vielmehr gegen Lücken, durch die problematische Produkte oder Inhaltsstoffe auf den Markt gelangen können, ohne dass Verbraucher das Risiko leicht erkennen.
Zu den möglichen Problemen gehören:
- natürlich vorkommende toxische Pflanzenstoffe;
- zu hohe Konzentrationen bestimmter Wirkstoffe;
- Belastungen mit unerwünschten Stoffen;
- Verwechslungen oder fehlerhafte Identifizierung pflanzlicher Rohstoffe;
- schwankende Zusammensetzung von Extrakten;
- Wechselwirkungen mit Medikamenten;
- unvollständige oder schwer verständliche Kennzeichnung;
- nicht ausreichend belegte Gesundheitsversprechen.
Gerade die Konzentration spielt eine große Rolle. Eine Pflanze, die in geringen Mengen traditionell als Lebensmittel verwendet wird, lässt sich nicht automatisch mit einem hochkonzentrierten Extrakt in einer Kapsel vergleichen.
Auch die Dosis macht einen Unterschied. Bestimmte Pflanzenstoffe können bei geringer Aufnahme unproblematisch sein, in konzentrierter Form jedoch andere Wirkungen entfalten.
Natürlich bedeutet nicht automatisch sicher
Der Begriff „natürlich“ besitzt im Marketing eine enorme Wirkung. Viele Menschen verbinden Pflanzenprodukte mit einer sanfteren Alternative zu synthetisch hergestellten Stoffen.
Aus toxikologischer Sicht funktioniert diese Trennung jedoch nicht. Die Natur produziert selbst zahlreiche hochwirksame chemische Verbindungen. Einige davon nutzt die Medizin gezielt, andere sind unerwünscht oder giftig.
| Häufige Annahme | Was tatsächlich entscheidend ist |
|---|---|
| Pflanzlich bedeutet ungefährlich | Pflanzen können wirksame und toxische Stoffe enthalten |
| Natürlich bedeutet nebenwirkungsfrei | Auch Naturstoffe können Nebenwirkungen verursachen |
| Nahrungsergänzung ist wie ein Medikament geprüft | Für beide Produktgruppen gelten unterschiedliche Regeln |
| Mehr Wirkstoff bringt mehr Nutzen | Eine höhere Dosis kann Risiken erhöhen |
| Frei verkäuflich bedeutet für jeden geeignet | Vorerkrankungen und Medikamente können relevant sein |
| Online erhältlich bedeutet geprüft | Der Verkaufsweg allein belegt keine Sicherheit |
Ein bekanntes Grundproblem sind Wechselwirkungen. Pflanzeninhaltsstoffe können beispielsweise beeinflussen, wie andere Substanzen im Körper aufgenommen, verarbeitet oder abgebaut werden.
Das kann besonders für Menschen relevant sein, die dauerhaft Medikamente einnehmen.
Fachleute weisen seit Jahren darauf hin, dass die Wirkung eines Pflanzenstoffs nicht isoliert betrachtet werden sollte. Bei Arzneimitteln können zusätzliche pflanzliche Präparate die gewünschte Wirkung verstärken, abschwächen oder auf andere Weise beeinflussen.
Experten kritisieren fehlende Prüfung vor dem Verkauf
Nach der aktuellen Systematik müssen Hersteller ein Nahrungsergänzungsmittel anzeigen, bevor es erstmals in Deutschland in Verkehr gebracht wird. Die Kritiker sehen darin einen entscheidenden Schwachpunkt, weil diese Meldung keine umfassende behördliche Sicherheitsprüfung des einzelnen Produkts darstellt.
Andreas Hensel, Präsident der Gesellschaft für Phytotherapie und Leiter des Instituts für Pharmazeutische Biologie und Phytochemie an der Universität Münster, gehört zu den Unterzeichnern der Forderung nach strengeren Regeln.
Nach seinen Angaben wurden allein im vergangenen Jahr mehr als 30.000 Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland angemeldet.

Die große Zahl zeigt, wie umfangreich und dynamisch der Markt inzwischen ist. Gleichzeitig stellt sie die zuständigen Behörden vor die Aufgabe, eine enorme Produktvielfalt zu überwachen.
Eine Anmeldung ist nicht dasselbe wie eine individuelle Unbedenklichkeitsbescheinigung. Genau diese Unterscheidung dürfte vielen Käufern nicht bewusst sein. Auf der Verpackung ist sie schließlich nicht auf den ersten Blick erkennbar.
Streit um Analysemethoden erschwert die Kontrolle
Ein weiteres Problem betrifft die Laboranalyse. Wenn Behörden einen Inhaltsstoff beanstanden, können unterschiedliche Untersuchungsmethoden und Bewertungen zum Streitpunkt werden.
Hensel beschreibt eine Situation, in der Landesuntersuchungsämter auf mögliche Probleme hinweisen, Unternehmen beziehungsweise deren Vertreter aber auf eigene Analyseverfahren verweisen. Ohne ausreichend einheitliche Standards könne daraus eine langwierige Auseinandersetzung entstehen.
Nach Einschätzung Hensels werden Verbraucher dadurch Risiken ausgesetzt, die sie beim Kauf selbst kaum erkennen können.
Deshalb fordern die Fachleute nicht lediglich mehr Kontrollen. Rohstoffe und fertige Produkte sollen nach ihrer Vorstellung kontinuierlich mit anerkannten analytischen Methoden untersucht werden.
Das würde beispielsweise die Frage betreffen, ob tatsächlich die angegebene Pflanzenart enthalten ist, welche Konzentration bestimmte Stoffe erreichen und ob unerwünschte Substanzen vorkommen.
Auch Gesundheitsversprechen stehen in der Kritik
Ein zweiter großer Bereich ist die Werbung. Nahrungsergänzungsmittel werden häufig mit Begriffen rund um Energie, Immunsystem, Entgiftung, Konzentration, Schlaf, Stoffwechsel oder Wohlbefinden vermarktet.
Dabei gelten für gesundheitsbezogene Aussagen gesetzliche Vorgaben. Trotzdem können Gestaltung und Formulierungen beim Käufer einen Eindruck erzeugen, der über die tatsächlich belegbare Wirkung hinausgeht.
Die Experten fordern deshalb eine bessere Kontrolle irreführender Gesundheitsversprechen.
Besonders sensibel ist die Grenze zwischen Nahrungsergänzung und Therapie. Ein Supplement darf nicht einfach den Eindruck erwecken, eine Krankheit behandeln zu können, wenn es sich rechtlich um ein Lebensmittel handelt.
Für Verbraucher ist das manchmal schwer auseinanderzuhalten. Produktnamen, Erfahrungsberichte, Bilder und einzelne Aussagen können zusammen eine medizinische Wirkung suggerieren, obwohl auf der Verpackung formal andere Formulierungen stehen.
Andere europäische Länder setzen teilweise strengere Vorgaben
Die Fachleute verweisen in ihrer Kritik auch auf Regelungen außerhalb Deutschlands. Genannt werden unter anderem Frankreich und Belgien sowie die Schweiz.
Dort existieren für bestimmte pflanzliche Inhaltsstoffe teilweise detailliertere Anforderungen oder Dokumentationspflichten. Die konkrete Regulierung unterscheidet sich von Land zu Land, zeigt aber, dass Botanicals nicht überall identisch behandelt werden.
Für Deutschland wünschen sich die Experten vor allem nachvollziehbarere Informationen bereits bei der Anmeldung eines Produkts.
Hersteller und Vertriebsunternehmen sollen nach ihren Vorstellungen präzise Angaben machen müssen. Dazu könnten Informationen über Rohstoffe, Zusammensetzung und relevante analytische Daten gehören.
Vorsicht bei Algen und exotischen Pflanzenextrakten
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Produkte, deren Ausgangsstoffe Verbrauchern wenig vertraut sind. Das können exotische Pflanzen, Pilzextrakte oder verschiedene Algenprodukte sein.
Algen werden beispielsweise mit Mineralstoffen und anderen Nährstoffen beworben. Gleichzeitig unterscheiden sich Arten und Produkte erheblich. Je nach Herkunft und Verarbeitung können auch unerwünschte Stoffe eine Rolle spielen.
Ähnlich sieht es bei hochkonzentrierten Pflanzenextrakten aus. Ein traditionell verwendetes Lebensmittel und ein daraus hergestellter konzentrierter Extrakt sind hinsichtlich der aufgenommenen Stoffmenge nicht automatisch vergleichbar.
Die Bezeichnung natürliche Nahrungsergänzung sollte deshalb nicht das einzige Kaufkriterium sein.
Wer bei Nahrungsergänzungsmitteln genauer hinschauen sollte
Für gesunde Erwachsene bedeutet die aktuelle Warnung nicht, dass jedes Supplement sofort entsorgt werden muss. Bestimmte Personengruppen sollten bei pflanzlichen Präparaten jedoch besonders sorgfältig prüfen, was sie einnehmen.
Dazu zählen Menschen, die:
- regelmäßig verschreibungspflichtige Medikamente verwenden;
- mehrere Nahrungsergänzungsmittel miteinander kombinieren;
- chronische Erkrankungen haben;
- schwanger sind oder stillen;
- Präparate aus unbekannten Online-Shops bestellen;
- hoch dosierte Pflanzenextrakte über längere Zeit einnehmen.
Auch vor Operationen können Nahrungsergänzungsmittel relevant sein. Manche Pflanzenstoffe können beispielsweise Prozesse beeinflussen, die für Medikamente oder medizinische Eingriffe eine Rolle spielen. Deshalb gehört die Einnahme solcher Produkte in die vollständige Medikamenten- und Präparateliste, die bei ärztlichen Gesprächen angegeben wird.
Woran sich problematische Angebote erkennen lassen können
Verbraucher können ein Produkt ohne Laboranalyse natürlich nicht vollständig auf Sicherheit überprüfen. Einige Warnsignale lassen sich trotzdem erkennen.
Misstrauen ist angebracht, wenn ein Nahrungsergänzungsmittel mit außergewöhnlich weitreichenden Wirkungen beworben wird. Aussagen, nach denen ein einziges Pflanzenprodukt gleichzeitig Gewicht, Schlaf, Immunsystem, Verdauung und Energie verbessern soll, verdienen eine kritische Prüfung.
Ähnliches gilt für Angebote, die wissenschaftliche Belege lediglich andeuten, ohne nachvollziehbar zu erklären, worauf sich die Behauptungen beziehen.
Vorsicht ist auch bei extrem hohen Dosierungen angebracht. „Mehr“ bedeutet bei einem biologisch aktiven Stoff nicht automatisch „besser“.
Fachleute empfehlen bei Unsicherheiten insbesondere dann eine ärztliche oder pharmazeutische Rücksprache, wenn gleichzeitig Medikamente eingenommen werden. Entscheidend ist nicht, ob ein Produkt pflanzlich ist, sondern welche Stoffe in welcher Dosis enthalten sind.
Strengere Kontrollen könnten den Markt deutlich verändern
Die Forderungen der Wissenschaftler, Ärzte und Verbraucherschützer zielen letztlich auf einen Markt, der in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist. Nahrungsergänzungsmittel sind längst nicht mehr auf Vitamin- und Mineralstofftabletten beschränkt. Pflanzenextrakte, Pilzprodukte, Algenpulver und komplexe Mischungen haben das Angebot erheblich erweitert.
Genau diese Vielfalt macht eine pauschale Bewertung unmöglich. Ein sorgfältig hergestelltes Produkt mit bekannten Inhaltsstoffen lässt sich nicht mit einem unklar zusammengesetzten Präparat unbekannter Herkunft gleichsetzen.
Die Debatte um Sicherheit von Nahrungsergänzungsmitteln dürfte sich deshalb weniger um ein generelles Verbot pflanzlicher Produkte drehen als um die Frage, welche Nachweise Hersteller vorlegen müssen und wie einheitlich die Kontrolle funktioniert.
Für Verbraucher bleibt bis dahin eine einfache Regel besonders nützlich: „pflanzlich“ und „natürlich“ beschreiben die Herkunft eines Produkts, nicht automatisch seine Sicherheit. Wer Medikamente einnimmt, Vorerkrankungen hat oder hoch dosierte Präparate langfristig verwenden möchte, sollte Zusammensetzung und mögliche Wechselwirkungen vor der Einnahme prüfen lassen.