Bergkamen könnte nach mehr als vier Jahrzehnten ohne Personenbahnhof eine neue Chance auf einen Anschluss an das Schienennetz erhalten. Im zuständigen Ausschuss soll der Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe über den aktuellen Stand einer Machbarkeitsstudie berichten. Untersucht werden mehrere Möglichkeiten, darunter die Reaktivierung der Hamm-Osterfelder Bahn für den Personenverkehr und eine neue Verbindung über die Nachbarstadt Kamen. Eine schnelle Entscheidung ist allerdings nicht zu erwarten, denn sowohl im Norden als auch im Süden der Stadt wären umfangreiche Bauarbeiten notwendig, die monrose.de berichtet mit
Seit dem Ende des Personenverkehrs im Jahr 1983 besitzt Bergkamen keinen regulären Bahnanschluss mehr. Damit gilt die Stadt seit der Wiederanbindung Hertens im Jahr 2022 als größte Stadt Deutschlands ohne eigenen Bahnhof. Frühere Pläne für eine Stadtbahnverbindung nach Dortmund wurden wegen hoher Kosten und fehlender Unterstützung nicht weiterverfolgt. Nun könnte der Bahnhof Bergkamen erneut auf die politische Tagesordnung rücken.
Machbarkeitsstudie soll die entscheidenden Varianten bewerten
Die Stadt Bergkamen beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren gemeinsam mit dem NWL und dem Kreis Unna mit einer möglichen Rückkehr des Schienenpersonennahverkehrs. Eine eigene Untersuchung der Stadt war nicht erforderlich, weil der Nahverkehrsverband die Federführung übernommen hatte. Die politischen Gremien hatten sich dafür ausgesprochen, sowohl eine nördliche als auch eine südliche Verbindung zu prüfen.
Im Ausschuss für Bauen und Verkehr soll nun Thomas Ressel, Leiter der Planungsabteilung beim NWL, den aktuellen Stand vorstellen. Dabei wird erwartet, dass er erläutert, welche Varianten technisch möglich sind, welche Hindernisse bestehen und ob eine der untersuchten Strecken weiterverfolgt werden kann. Eine endgültige Zusage für den Bau eines Bahnhofs dürfte mit der Präsentation jedoch noch nicht verbunden sein.
Für Bergkamen geht es zunächst nicht um einen konkreten Eröffnungstermin. Zuerst muss geklärt werden, ob eine Strecke technisch, wirtschaftlich und verkehrlich sinnvoll ist. Selbst bei einem positiven Ergebnis wäre der Weg bis zum ersten Zug noch lang.
Machbarkeitsstudien des NWL werden von unabhängigen Fachbüros erstellt. Sie sollen den politischen Gremien eine neutrale Grundlage dafür liefern, ob ein Verkehrsprojekt weiter geplant oder verworfen wird. Untersucht werden dabei üblicherweise Fahrgastpotenziale, bauliche Anforderungen, mögliche Linienführungen und die voraussichtlichen Kosten.

Warum Bergkamen seit 1983 keinen Bahnhof mehr hat
Bis Anfang der 1980er-Jahre war Bergkamen über die Strecke Oberhausen-Osterfeld–Hamm an den Personenverkehr angeschlossen. Züge hielten unter anderem in Oberaden und an der Werner Straße. Die Strecke verlor jedoch 1983 ihre Bedeutung für den Personennahverkehr, woraufhin die Haltepunkte geschlossen wurden.
Heute wird die Verbindung überwiegend von Güterzügen genutzt. Darüber hinaus dient sie als Umleitungsstrecke, wenn es auf der Hauptverbindung zwischen Hamm, Kamen und Dortmund zu Störungen kommt. Damit sind zwar weiterhin Schienen vorhanden, doch die Wiederaufnahme des Personenverkehrs wäre deutlich komplizierter als der Bau eines einfachen Bahnsteigs.

Auch ein später diskutierter Anschluss an das Dortmunder Stadtbahnnetz kam nicht zustande. Nach den damaligen Überlegungen sollte die Linie über Oberaden und die Erich-Ollenhauer-Straße in Richtung Stadtmitte sowie weiter nach Rünthe und Overberge führen. Hohe Investitionskosten und fehlende Bereitschaft bei beteiligten Verkehrsunternehmen und Kommunen sorgten jedoch dafür, dass das Projekt nicht umgesetzt wurde.
„Bergkamen verfügt über eine günstige Lage zwischen mehreren bedeutenden Bahnstrecken. Die entscheidende Schwierigkeit besteht jedoch darin, eine technisch realistische und für möglichst viele Einwohner erreichbare Verbindung zu entwickeln“, lautet die Einschätzung aus Verkehrskreisen.
Welche Möglichkeiten für einen Bahnanschluss geprüft werden
Im Zentrum der Diskussion stehen zwei grundsätzliche Varianten. Beide könnten Bergkamen mit dem regionalen Bahnnetz verbinden, würden aber unterschiedliche Baumaßnahmen und Abstimmungen erfordern. Die Stadt hatte bereits beschlossen, Nord- und Südvarianten in einer Machbarkeitsstudie untersuchen zu lassen.
Folgende Möglichkeiten spielen bei der Bahnanbindung Bergkamen eine zentrale Rolle:
- Reaktivierung der Hamm-Osterfelder Bahn für den Personenverkehr
- Wiederaufbau eines Haltepunkts im Bereich Oberaden
- Nutzung oder Verlegung des früheren Haltepunkts Bergkamen
- Neubau einer Strecke vom Bahnhof Kamen in Richtung Norden
- Führung einer neuen Trasse über den früheren Klöcknerbahnweg
- Langfristige Einbindung in ein erweitertes S-Bahn-Netz
Die Nordvariante würde vorhandene Gleise nutzen, auf denen bereits Güterzüge verkehren. Bei der Südvariante müsste hingegen eine neue Bahnverbindung zwischen Kamen und Bergkamen entstehen. Der Vorteil einer neuen Strecke könnte darin liegen, dass sie näher an dicht besiedelte Stadtbereiche herangeführt werden kann. Dem stehen allerdings höhere Baukosten und schwierige Eingriffe in bestehende Verkehrswege gegenüber.
Nordvariante über die Hamm-Osterfelder Bahn
Die nördliche Lösung wirkt auf den ersten Blick vergleichsweise einfach, weil dort bereits eine Bahnstrecke vorhanden ist. Entlang dieser Verbindung lagen früher die Stationen Oberaden und Bergkamen. Eine Reaktivierung könnte die Stadt grundsätzlich wieder an den regionalen Personenverkehr anschließen.
In der Praxis sind jedoch mehrere Fragen offen. Die Strecke wird stark vom Güterverkehr genutzt und erfüllt eine wichtige Funktion als Ausweichroute. Zusätzliche Personenzüge könnten daher nur eingesetzt werden, wenn ausreichende Kapazitäten vorhanden sind und sich die verschiedenen Verkehrsarten nicht gegenseitig behindern.
Hinzu kommt die schwierige Standortfrage. Ein Haltepunkt in Oberaden wäre für Bewohner des westlichen Stadtgebiets interessant, läge aber weit entfernt von zahlreichen anderen Stadtteilen. Auch der frühere Bahnhof Bergkamen befand sich nicht unmittelbar im heutigen Zentrum. Auf dem alten Bahnhofsgelände an der Werner Straße befindet sich inzwischen ein Recyclinghof.
Nach früheren Untersuchungen wäre außerdem ein größeres Kreuzungsbauwerk erforderlich. Ein neuer Bahnsteig direkt neben dem vorhandenen Gleis dürfte deshalb nicht genügen. Die Gleisführung müsste so umgebaut werden, dass Personen- und Güterzüge sicher und möglichst unabhängig voneinander verkehren können.
Ein Nahverkehrsplaner würde bei einer solchen Reaktivierung nicht nur die vorhandenen Gleise betrachten: „Entscheidend sind Kapazität, Fahrplanstabilität, Umsteigemöglichkeiten und die Erreichbarkeit der Station. Eine technisch mögliche Lösung ist nicht automatisch auch die beste Lösung für die Fahrgäste.“
Südvariante könnte Bergkamen über Kamen anbinden
Bei der südlichen Variante würde eine neue Strecke am bestehenden Bahnhof Kamen abzweigen und in Richtung Bergkamen führen. Bereits 2021 wurde die Idee diskutiert, dafür den Bereich des alten Klöcknerbahnwegs zu nutzen. Die Verbindung könnte näher an Bergkamen-Mitte herangeführt werden und damit für einen größeren Teil der Bevölkerung attraktiv sein.
Die Streckenführung wäre allerdings mit erheblichen Eingriffen verbunden. Züge müssten die Autobahn A2 über- oder unterqueren. Dafür wäre entweder eine neue Brücke oder ein Tunnelbauwerk erforderlich. Beide Lösungen könnten die Kosten deutlich erhöhen und umfangreiche Planungs- sowie Genehmigungsverfahren auslösen.
Darüber hinaus gibt es einen möglichen Konflikt mit dem geplanten Radschnellweg RS1. Dieser soll langfristig von Moers bis Hamm führen und könnte ebenfalls Abschnitte des früheren Klöcknerbahnwegs beanspruchen. Die Planer müssten daher prüfen, ob Bahnstrecke und Radschnellweg nebeneinander verlaufen können oder ob eine der beiden Verbindungen anders geführt werden müsste.
Auch der Bahnhof Kamen müsste voraussichtlich umgebaut werden. Möglich wäre, dass dort ein weiteres Gleis und zusätzliche Weichen benötigt werden. Ohne die Zustimmung der Stadt Kamen und der zuständigen Bahnstellen wäre eine solche Verbindung deshalb nicht realisierbar.
| Variante | Mögliche Vorteile | Zentrale Probleme |
|---|---|---|
| Nordanschluss über Oberaden | Vorhandene Bahnstrecke kann grundsätzlich genutzt werden | Starker Güterverkehr, ungünstige Lage, größere Kreuzungsbauwerke |
| Alter Haltepunkt Bergkamen | Historischer Standort und bestehender Trassenkorridor | Weit vom Zentrum entfernt, Gelände inzwischen anders genutzt |
| Südanschluss über Kamen | Verbindung näher an Bergkamen-Mitte denkbar | Neubautrasse, A2-Querung, hohe Kosten |
| Trasse am Klöcknerbahnweg | Nutzung eines vorhandenen Verkehrskorridors | Möglicher Konflikt mit dem Radschnellweg RS1 |
| S-Bahn-Verlängerung | Direkte und regelmäßige Verbindung in Richtung Dortmund | Langfristige Planung und umfangreicher Streckenausbau |
Welche Rolle das Zielnetz 2040 spielen könnte
Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr arbeitet mit dem sogenannten Zielnetz 2040 an einer langfristigen Erweiterung des Schienenpersonennahverkehrs in Nordrhein-Westfalen. Vorgesehen sind unter anderem dichtere Takte, zusätzliche Direktverbindungen und neue Stationen. Damit sollen regionale Bahnverbindungen zuverlässiger und für mehr Menschen erreichbar werden.
Für den Raum Dortmund, Kamen und Hamm sind ebenfalls Veränderungen geplant. Eine stärkere S-Bahn-Anbindung könnte neue Möglichkeiten eröffnen, Bergkamen langfristig in das Netz einzubeziehen. Das offizielle Zielnetz stellt allerdings noch keine konkrete Bauzusage für einen Bahnhof in Bergkamen dar. Es beschreibt vielmehr, wie sich der Bahnverkehr in den kommenden Jahren entwickeln könnte.
Der infrastrukturelle Aufwand bleibt erheblich. Der VRR weist selbst darauf hin, dass für das Zielnetz neue Haltepunkte, zusätzliche Gleise, Kreuzungsbahnhöfe, Brücken und Signalanlagen benötigt werden. Solche Maßnahmen können nicht kurzfristig umgesetzt werden und setzen umfangreiche Investitionen voraus.
Eine mögliche S-Bahn-Verbindung wäre für Bergkamen besonders attraktiv, wenn sie regelmäßige Direktfahrten nach Dortmund ermöglichen würde. Viele Pendler könnten dann auf das Auto oder den Umstieg am Bahnhof Kamen verzichten. Ob diese Perspektive in die weitere Machbarkeitsprüfung einbezogen wird, hängt von der konkreten Linienführung und den Kapazitäten des regionalen Bahnnetzes ab.
Kosten bleiben die größte Unbekannte
Wie teuer ein neuer Bahnanschluss werden könnte, ist bislang nicht zuverlässig abzuschätzen. Schon kleine Änderungen an bestehenden Bahnanlagen können hohe Millionenbeträge erfordern. Bei Bergkamen könnten zusätzlich neue Brücken, Weichen, Gleise, Bahnsteige, Sicherungssysteme und möglicherweise Lärmschutzmaßnahmen notwendig werden.
Ein Blick auf andere Reaktivierungsprojekte zeigt, wie stark die Kosten während der Planung steigen können. Verantwortlich dafür sind unter anderem komplizierte Eigentumsfragen, notwendige Umbauten an Bahnübergängen, höhere Preise für Baumaterialien und begrenzte Kapazitäten bei spezialisierten Baufirmen. Deshalb dürfte sich eine erste Kostenschätzung im Laufe der Planung noch mehrfach verändern.
Unter bestimmten Voraussetzungen können Bund und Land einen Großteil der förderfähigen Kosten übernehmen. Dafür muss eine Untersuchung jedoch nachweisen, dass das Projekt einen ausreichenden verkehrlichen und volkswirtschaftlichen Nutzen besitzt. Eine hohe Förderung bedeutet zudem nicht, dass für Stadt und Region keine eigenen Ausgaben entstehen.
„Bei Bahnprojekten entscheidet nicht allein der Baupreis. Wichtig ist, wie viele Menschen die Verbindung dauerhaft nutzen, welche Reisezeiten eingespart werden und ob sich der regionale Verkehr insgesamt verbessert“, erklärt ein Mobilitätsexperte zur üblichen Bewertung solcher Vorhaben.
Für Bergkamen dürfte daher entscheidend sein, wie viele Pendler, Schüler und andere Fahrgäste von einem Bahnhof profitieren würden. Auch die Verbindung zu Wohngebieten, Arbeitsplätzen und Buslinien wird in die Bewertung einfließen.
Busverkehr bleibt vorerst die wichtigste Verbindung
Solange keine Bahnstrecke gebaut wird, bleibt Bergkamen vor allem auf Busverbindungen angewiesen. Mehrere Linien bringen Fahrgäste zum Bahnhof Kamen, von wo aus Züge unter anderem nach Dortmund, Hamm und in weitere Städte des Ruhrgebiets fahren. Zusätzlich besteht in den Hauptverkehrszeiten eine regelmäßige Busverbindung nach Dortmund.
Der Busverkehr kann einen Bahnhof allerdings nur teilweise ersetzen. Fahrgäste müssen häufig umsteigen und mit längeren Reisezeiten rechnen. Besonders für Berufspendler kann das Auto dadurch attraktiver bleiben, obwohl die Straßen rund um Dortmund und Kamen regelmäßig stark belastet sind.
Sollte ein Bahnprojekt nicht weiterverfolgt werden, müsste die Stadt alternative Verbesserungen prüfen. Denkbar wären häufigere Busfahrten, schnellere Direktlinien, bessere Anschlüsse in Kamen und zusätzliche Angebote in den Abendstunden. Auch die Verknüpfung von Fahrrad, Bus und Bahn könnte verbessert werden.
Ein Bahnhof würde den Busverkehr nicht überflüssig machen. Vielmehr müssten beide Verkehrsmittel aufeinander abgestimmt werden. Nur mit guten Zubringerlinien könnte eine neue Station Fahrgäste aus allen Stadtteilen erreichen.
Wann könnte der erste Zug in Bergkamen halten?
Selbst bei einem positiven Ergebnis der Machbarkeitsstudie ist nicht mit einer kurzfristigen Umsetzung zu rechnen. Nach der ersten Untersuchung wären weitere Planungsphasen, politische Beschlüsse, Finanzierungsvereinbarungen und Genehmigungsverfahren notwendig. Anschließend müssten Grundstücksfragen geklärt und Bauleistungen ausgeschrieben werden.
Große Eisenbahnprojekte benötigen häufig zehn Jahre oder länger. Bei Bergkamen könnte der Zeitrahmen zusätzlich davon abhängen, welche Variante bevorzugt wird. Die Nutzung einer bestehenden Güterstrecke wäre möglicherweise schneller zu planen als eine vollständig neue Verbindung über Kamen. Gleichzeitig könnten Kapazitätsprobleme auf der Nordstrecke umfangreiche Umbauten erforderlich machen.
Die bevorstehende Vorstellung der Studie ist deshalb vor allem ein wichtiger Zwischenschritt. Sie kann zeigen, ob eine realistische Variante existiert und welche Lösung den größten Nutzen verspricht. Eine Entscheidung über den Bau oder einen konkreten Eröffnungstermin ist zunächst nicht zu erwarten.
Neue Perspektive für Deutschlands größte Stadt ohne Bahnhof
Die Debatte über einen Bahnanschluss für Bergkamen gewinnt nach Jahren der Untersuchungen erneut an Bedeutung. Mit der Nord- und der Südvariante liegen zwei grundsätzlich unterschiedliche Konzepte auf dem Tisch. Beide könnten die Mobilität in der Stadt verbessern, bringen jedoch erhebliche technische, finanzielle und planerische Herausforderungen mit sich.
Die Nordlösung könnte vorhandene Gleise nutzen, müsste aber mit einem stark ausgelasteten Güterverkehr und ungünstigen Stationslagen umgehen. Die Südverbindung über Kamen wäre näher am Stadtzentrum denkbar, würde jedoch eine neue Strecke, eine Querung der A2 und möglicherweise Umbauten am Bahnhof Kamen erfordern.
Ob Bergkamen tatsächlich wieder einen Bahnhof erhält, hängt daher nicht von einem einzelnen Ausschusstermin ab. Die Machbarkeitsstudie soll zunächst klären, welche Variante weiterverfolgt werden kann. Sollte das Ergebnis positiv ausfallen und eine Finanzierung gefunden werden, könnte die Stadt langfristig ihren wenig erfreulichen Status als größte deutsche Kommune ohne Bahnhof verlieren.