Die Bundesregierung will mit strengeren Regeln für Krankmeldungen gegen die vergleichsweise hohen Fehlzeiten in Deutschland vorgehen. Beschäftigte könnten künftig bereits am ersten Krankheitstag eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung benötigen. Gleichzeitig steht die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung zur Diskussion. Eine aktuelle Auswertung der Betriebskrankenkassen zeigt jedoch, dass vor allem lange Krankheitsausfälle in Deutschland die finanziellen Belastungen erhöhen und nicht die vielen kurzen Erkältungen, die monrose.de berichtet mit spiegel.de.
Nach Angaben des BKK Dachverbands entstehen die größten Kosten durch Erkrankungen, die Beschäftigte über mehrere Wochen oder sogar Monate arbeitsunfähig machen. Besonders häufig handelt es sich dabei um psychische Beschwerden sowie Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems. Atemwegsinfekte führen zwar zu sehr vielen Krankmeldungen, dauern im Durchschnitt aber deutlich kürzer. Für die gesetzlichen Krankenkassen fallen sie deshalb finanziell weniger stark ins Gewicht.
Krankengeld gehört zu den größten Ausgaben der Krankenkassen
Die finanziellen Folgen längerer Erkrankungen zeigen sich besonders deutlich beim Krankengeld. Arbeitnehmer erhalten in Deutschland normalerweise zunächst bis zu sechs Wochen lang eine Entgeltfortzahlung durch ihren Arbeitgeber. Dauert die Arbeitsunfähigkeit darüber hinaus an, übernimmt in der Regel die gesetzliche Krankenkasse die Zahlung des Krankengeldes.
Nach der BKK-Auswertung erreichten die Krankengeldausgaben zuletzt rund 21,6 Milliarden Euro. Damit zählt das Krankengeld inzwischen zu den größten Ausgabeposten der gesetzlichen Krankenversicherung. Mehr als ein Viertel aller erfassten Fehltage entfiel 2025 auf Zeiträume, in denen Betroffene bereits Krankengeld bezogen.
In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der Krankengeldtage den Angaben zufolge um 24,4 Prozent. Diese Entwicklung verdeutlicht, dass es bei der Debatte um den Krankenstand nicht nur um die Zahl der Krankmeldungen geht. Entscheidend ist auch, wie lange Menschen ausfallen und welche Unterstützung sie benötigen, um wieder dauerhaft an ihren Arbeitsplatz zurückkehren zu können.

„Es sind die langen, oft Muskel-Skelett und psychisch bedingten Ausfälle, die zum eigentlichen Kostentreiber werden“, erklärte Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK Dachverbands.
Der Verband vertritt 63 Betriebskrankenkassen und vier Landesverbände mit insgesamt rund 9,6 Millionen Versicherten. Seine Daten bieten damit einen umfangreichen Einblick in die Entwicklung von Krankmeldungen und Fehlzeiten in deutschen Unternehmen.
Psychische Erkrankungen führen zu besonders langen Fehlzeiten
Psychische Erkrankungen machen nur einen vergleichsweise kleinen Teil aller Krankschreibungsfälle aus. Nach den vorliegenden Daten lag ihr Anteil bei etwa 5,4 Prozent. Die durchschnittliche Dauer einer solchen Krankschreibung betrug jedoch mehr als fünf Wochen.
Damit unterscheiden sich Depressionen, Angststörungen, Erschöpfungssyndrome und andere psychische Belastungen deutlich von vielen akuten Infekten. Eine Erkältung oder Grippe kann zu hohen Fallzahlen führen, ist aber häufig nach wenigen Tagen überstanden. Psychische Erkrankungen können dagegen langwierige Therapien, eine stufenweise Wiedereingliederung und Veränderungen am Arbeitsplatz erforderlich machen.
Psychische Belastungen entstehen selten durch einen einzigen Faktor. Arbeitsdruck, private Sorgen und gesundheitliche Probleme können sich gegenseitig verstärken. Eine frühzeitige Unterstützung könnte verhindern, dass aus einer vorübergehenden Belastung eine monatelange Arbeitsunfähigkeit wird.
Der BKK Dachverband fordert deshalb eine ernsthafte Debatte über wirksame Präventionsstrategien. Unternehmen, Krankenkassen und Politik müssten stärker untersuchen, wie psychische Belastungen rechtzeitig erkannt werden können. Dabei gehe es nicht allein um finanzielle Einsparungen, sondern auch um das persönliche Leid der Betroffenen.
„Wir beobachten den Trend der psychischen Belastungen in der Arbeitswelt schon lange. Diese Rechnung zahlen wir sonst noch viele Jahre weiter – und hinter jeder steht das lange Leiden einer betroffenen Person“, sagte Klemm.
Rückenschmerzen und Gelenkbeschwerden belasten Beschäftigte langfristig
Neben psychischen Diagnosen gehören Muskel-Skelett-Erkrankungen zu den wichtigsten Ursachen langer Fehlzeiten. Dazu zählen unter anderem Rückenschmerzen, Bandscheibenprobleme, Gelenkerkrankungen und chronische Beschwerden an Schultern oder Knien. Solche Erkrankungen betreffen sowohl körperlich arbeitende Menschen als auch Beschäftigte, die viele Stunden am Schreibtisch verbringen.
Laut BKK entfielen 12,5 Prozent der Krankheitsfälle auf Muskel-Skelett-Leiden. Gleichzeitig waren diese Diagnosen für mehr als ein Fünftel aller Fehltage verantwortlich. Gemeinsam mit Atemwegs- und psychischen Erkrankungen verursachten die drei Diagnosegruppen fast 58 Prozent der gesamten Ausfalltage.
Die wichtigsten Gründe für längere Muskel-Skelett-Ausfälle können sehr unterschiedlich sein:
- schwere körperliche und einseitige Arbeit,
- langes Sitzen und mangelnde Bewegung,
- falsches Heben und Tragen,
- altersbedingte Verschleißerscheinungen,
- fehlende ergonomische Arbeitsplätze,
- zu späte medizinische oder physiotherapeutische Behandlung.
Prävention kann deshalb nicht auf einen einzelnen Bereich beschränkt werden. In körperlich anspruchsvollen Berufen sind technische Hilfsmittel, Schulungen und ausreichende Erholungszeiten wichtig. Bei Büroarbeitsplätzen können ergonomische Möbel, Bewegungspausen und flexible Arbeitsabläufe zur Entlastung beitragen.
Ein Arbeitsmediziner würde bei wiederkehrenden Beschwerden zudem nicht nur auf die Diagnose schauen. Entscheidend sei, ob Beschäftigte nach ihrer Rückkehr dieselben Belastungen vorfinden, die möglicherweise zur Erkrankung beigetragen haben. Ohne Anpassungen am Arbeitsplatz könne es schnell zu einem erneuten Ausfall kommen.
Atemwegserkrankungen sind häufig, aber meist von kurzer Dauer
Atemwegserkrankungen waren 2025 weiterhin der häufigste Grund für eine Arbeitsunfähigkeit. Ihr Anteil an den Krankheitsfällen lag nach Angaben des BKK Dachverbands bei 35,9 Prozent. Im Durchschnitt dauerten diese Erkrankungen allerdings nur 6,1 Tage.
Erkältungen, grippale Infekte und andere Atemwegsbeschwerden erhöhen daher vor allem die Zahl der Krankmeldungen. Die dadurch entstehenden Fehlzeiten sind für Unternehmen durchaus relevant, führen aber nur selten zum Bezug von Krankengeld. Aus Sicht der gesetzlichen Kassen sind sie deshalb nicht der wichtigste Kostenfaktor.
| Erkrankungsgruppe | Bedeutung bei Krankmeldungen | Typische finanzielle Wirkung |
|---|---|---|
| Atemwegserkrankungen | Sehr hohe Zahl an Fällen | Meist kurze Ausfälle, selten Krankengeld |
| Psychische Erkrankungen | Weniger Fälle, aber lange Dauer | Hohe Kosten durch mehrwöchige Ausfälle |
| Muskel-Skelett-Leiden | Häufig und oft langwierig | Viele Fehltage und wiederkehrende Beschwerden |
| Verletzungen | Je nach Schwere unterschiedlich | Teilweise lange Behandlung und Rehabilitation |
| Chronische Erkrankungen | Oft wiederkehrende Ausfälle | Langfristige medizinische und soziale Kosten |
Die Zahlen stellen damit die Frage, ob eine strengere Attestpflicht bei kurzen Erkrankungen das zentrale Kostenproblem der Krankenkassen tatsächlich lösen kann. Wer wegen eines leichten Infekts zwei oder drei Tage zu Hause bleibt, verursacht normalerweise keine Krankengeldzahlung. Langfristige Erkrankungen entstehen dagegen häufig unabhängig davon, ob ein Attest am ersten oder erst an einem späteren Tag ausgestellt wird.
Regierung plant Krankschreibung bereits ab dem ersten Tag
Die schwarz-rote Bundesregierung hat angekündigt, die Regeln für Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen zu verschärfen. Beschäftigte sollen demnach möglicherweise bereits ab dem ersten Krankheitstag eine ärztliche Bestätigung benötigen. Bisher dürfen Arbeitgeber zwar schon heute ein Attest ab dem ersten Tag verlangen, gesetzlich muss die Bescheinigung ohne eine solche Anordnung jedoch normalerweise erst bei einer länger als drei Kalendertage dauernden Erkrankung vorliegen.
Mit der Reform möchte die Regierung den Krankenstand senken und möglichen Missbrauch erschweren. Bundeskanzler Friedrich Merz verwies in der Debatte darauf, dass die Fehlzeiten in Deutschland im internationalen Vergleich hoch seien. Kritiker bezweifeln allerdings, dass zusätzliche Arztbesuche bei kurzen Erkrankungen die Zahl der langfristigen Ausfälle wesentlich beeinflussen würden.
Hausärzte warnen zudem vor einer erheblichen Zusatzbelastung der Praxen. Wenn Millionen Beschäftigte bereits am ersten Tag einer Erkältung persönlich untersucht werden müssten, könnten Wartezimmer voller werden. Gleichzeitig bliebe weniger Zeit für Patienten mit schweren oder chronischen Erkrankungen.
Ein Hausarzt kommentiert die Reformdebatte so: „Eine Bescheinigung am ersten Tag dokumentiert die Erkrankung, behandelt aber weder Depressionen noch chronische Rückenschmerzen. Für eine nachhaltige Senkung der Fehlzeiten braucht es bessere Versorgung und Prävention.“
Telefonische Krankschreibung steht erneut zur Debatte
Auch die telefonische Krankschreibung könnte nach den Plänen der Regierung eingeschränkt oder abgeschafft werden. Derzeit können Patienten mit leichten Erkrankungen unter bestimmten Voraussetzungen telefonisch für bis zu fünf Kalendertage krankgeschrieben werden. Die behandelnde Praxis entscheidet nach einem Gespräch, ob eine telefonische Beurteilung ausreicht oder eine persönliche Untersuchung notwendig ist. Eine telefonische Verlängerung ist nicht vorgesehen.
Die Möglichkeit wurde eingeführt, um Arztpraxen zu entlasten und unnötige Kontakte zwischen infektiösen Patienten und anderen Besuchern zu vermeiden. Befürworter argumentieren, dass Ärzte auch am Telefon medizinisch entscheiden und eine Krankschreibung nicht automatisch ausstellen. Gegner befürchten dagegen, dass die Regelung missbraucht werden könnte.
Ob ihre Abschaffung den Krankenstand deutlich senken würde, ist bislang umstritten. Die BKK-Daten legen zumindest nahe, dass kurze Atemwegserkrankungen nicht der zentrale Treiber der Krankengeldkosten sind. Für langwierige psychische oder körperliche Leiden spielt die Art der ersten Krankschreibung häufig nur eine untergeordnete Rolle.
Krankenstand blieb 2025 weitgehend stabil
Der Krankenstand der Betriebskrankenkassen veränderte sich 2025 nur geringfügig. Nach einer früheren Auswertung des BKK Dachverbands sank der Jahresmittelwert von 5,90 auf 5,83 Prozent. Von einer klaren Trendwende könne wegen dieser geringen Veränderung nicht gesprochen werden.

Unterschiedliche Statistiken können dabei zu leicht abweichenden Werten kommen. Das liegt unter anderem an den jeweils untersuchten Versichertengruppen, der Berechnungsmethode und der Frage, welche Krankheitszeiträume erfasst werden. Seit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung werden außerdem kurze Fehlzeiten vollständiger an die Krankenkassen übermittelt. Dadurch kann der statistisch erfasste Krankenstand steigen, ohne dass Beschäftigte tatsächlich häufiger krank geworden sind.
Auch regionale Unterschiede fallen deutlich aus. Nach der aktuellen BKK-Auswertung wurden in Baden-Württemberg durchschnittlich 18,5 Fehltage je Beschäftigten erfasst. In Mecklenburg-Vorpommern lag der Wert dagegen bei 29 Tagen. Unterschiede bei Altersstruktur, Branchen, körperlicher Arbeitsbelastung und medizinischer Versorgung können diese Abweichungen mitverursachen.
Prävention könnte langfristig größere Einsparungen bringen
Aus Sicht der Krankenkassen sollte die politische Debatte stärker auf die Vermeidung langwieriger Krankheitsverläufe gerichtet werden. Dazu gehören schneller erreichbare psychotherapeutische Angebote, bessere Rehabilitationsprogramme und eine engere Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Arbeitgebern und Krankenkassen.
Auch das betriebliche Gesundheitsmanagement könnte eine größere Rolle spielen. Unternehmen können Belastungen erfassen, Führungskräfte schulen und Beschäftigten frühzeitig Hilfen anbieten. Wichtig ist dabei, dass solche Angebote freiwillig bleiben und Gesundheitsdaten geschützt werden.
Prävention am Arbeitsplatz sollte nach Einschätzung von Fachleuten mehrere Bereiche abdecken. Neben ergonomischen Arbeitsplätzen sind realistische Arbeitsziele, verlässliche Pausen, planbare Arbeitszeiten und ein respektvoller Führungsstil relevant. Bei ersten gesundheitlichen Problemen müssen Beschäftigte zudem die Möglichkeit haben, Unterstützung zu suchen, ohne berufliche Nachteile befürchten zu müssen.
Eine langfristige Senkung der Fehlzeiten lässt sich kaum allein durch strengere Kontrollen erreichen. Erkrankte Menschen werden nicht schneller gesund, nur weil sie früher ein Attest vorlegen. Wirksamer könnten Maßnahmen sein, die schwere Verläufe verhindern und eine sichere Rückkehr an den Arbeitsplatz ermöglichen.
Debatte über Krankschreibungen bekommt eine neue Richtung
Die Analyse des BKK Dachverbands verschiebt den Blick von der Zahl der Krankmeldungen auf deren Dauer. Kurze Atemwegsinfekte sind zwar für viele Arbeitsunfähigkeitsfälle verantwortlich, verursachen aber vergleichsweise wenige Krankengeldtage. Besonders teuer werden psychische Erkrankungen, Rückenprobleme und andere Leiden, die Menschen über viele Wochen aus dem Berufsleben herausnehmen.
Die geplante Attestpflicht ab dem ersten Tag könnte kurzfristige Fehlzeiten genauer dokumentieren und möglicherweise einzelne Missbrauchsfälle verhindern. Ob sie die milliardenschweren Belastungen durch Langzeiterkrankungen reduziert, bleibt jedoch fraglich. Gleichzeitig drohen zusätzliche Arztbesuche und mehr Bürokratie in ohnehin stark beanspruchten Praxen.
Für Krankenkassen, Arbeitgeber und Politik dürfte deshalb entscheidend sein, nicht nur über strengere Nachweise zu sprechen. Frühzeitige Behandlung, psychische Gesundheitsangebote, ergonomische Arbeitsbedingungen und eine funktionierende Wiedereingliederung könnten langfristig einen größeren Beitrag leisten. Hinter den Milliardenkosten stehen schließlich Beschäftigte, die häufig über Wochen oder Monate mit gesundheitlichen Problemen kämpfen.