Die Europäische Union geht deutlich härter gegen große Online-Plattformen vor. Jetzt trifft es den chinesischen Marktplatz Temu, der in Europa in den vergangenen Jahren massiv gewachsen ist. Die EU-Kommission verhängte eine Strafe in Höhe von 200 Millionen Euro gegen das Unternehmen. Hintergrund sind Vorwürfe rund um illegale und gefährliche Produkte, die über die Plattform verkauft wurden. Besonders kritisch sehen die Behörden die unzureichende Risikobewertung des Unternehmens, die monrose.de berichtet mit t-online.de.
Nach Angaben der EU-Kommission habe Temu die Risiken für Verbraucher nicht ausreichend untersucht und unterschätzt. Die Behörde spricht von einem besonders schweren Verstoß gegen den Digital Services Act, kurz DSA. Millionen europäische Kunden könnten dadurch mit gefährlichen Produkten in Kontakt gekommen sein.
Warum die EU gegen Temu vorgeht
Die Kommission wirft Temu vor, Risiken im eigenen Online-Marktplatz nicht ernst genug bewertet zu haben. Statt konkrete Probleme auf der Plattform selbst zu analysieren, habe sich das Unternehmen zu stark auf allgemeine Informationen über den gesamten E-Commerce-Sektor gestützt.
Besonders problematisch sei laut EU die enorme Reichweite der Plattform. Temu soll inzwischen rund 130 Millionen Nutzer in Europa haben. Dadurch könnten auch riskante oder illegale Produkte besonders schnell verbreitet werden.

Henna Virkkunen, Vizepräsidentin der EU-Kommission, kritisierte die Risikobewertung deutlich:
„Die Risikobewertung von Temu unterschätzt konkrete Risiken und zeigt nicht das tatsächliche Ausmaß möglicher Schäden.“
Die Kommission sieht darin eine Gefahr für Verbraucher innerhalb der gesamten Europäischen Union.
Gefährliche Produkte sorgen für massive Kritik
Im Mittelpunkt der Vorwürfe stehen unter anderem unsichere Ladegeräte und problematisches Babyspielzeug. Testkäufe im vergangenen Jahr hatten ergeben, dass zahlreiche Produkte grundlegende Sicherheitsanforderungen nicht erfüllten.
Besonders alarmierend waren laut EU:
- Ladegeräte mit mangelhaften Sicherheitstests;
- Babyspielzeug mit erhöhten Chemikalienwerten;
- Produkte mit möglicher Erstickungsgefahr;
- unzureichende Qualitätskontrollen;
- fehlende Nachweise zur Produktsicherheit.
Gerade bei Kinderspielzeug reagieren Verbraucher besonders sensibel. Die Vorstellung, dass gefährliche Produkte direkt aus dem Ausland in europäischen Haushalten landen, sorgt zunehmend für politische Diskussionen.
Viele Kunden kaufen bei Temu vor allem wegen der extrem niedrigen Preise ein. Genau diese Billigstrategie steht nun stärker denn je im Fokus der europäischen Behörden.
Warum Temu so stark wächst
Seit dem Start in Deutschland im Frühjahr 2023 hat sich Temu rasant entwickelt. Die Plattform lockt Kunden mit hohen Rabatten, aggressiver Werbung und extrem günstigen Produkten. Angeboten werden unter anderem Kleidung, Elektronik, Haushaltswaren, Dekoartikel und Spielzeug.
Das Geschäftsmodell basiert häufig darauf, Produkte direkt vom Hersteller an Verbraucher zu verschicken. Dadurch entfallen für viele Waren klassische Zwischenhändler. Kritiker bemängeln jedoch seit Langem, dass genau dadurch Qualitätskontrollen erschwert würden.
| Bereich | Kritikpunkte |
|---|---|
| Elektronik | Sicherheitsmängel bei Ladegeräten |
| Spielzeug | Chemikalien und Erstickungsgefahr |
| Produktkontrollen | teilweise unzureichend |
| Wettbewerb | Vorwürfe unfairer Preisstrategien |
| Lieferketten | schwer überprüfbar |
Vor allem europäische Händler sehen Temu zunehmend als Problem für den stationären Handel und den klassischen Onlinehandel.
Was der Digital Services Act verändern soll
Der Digital Services Act gilt seit Februar 2024 und zählt zu den wichtigsten neuen EU-Gesetzen gegen große Online-Plattformen. Ziel ist es, Verbraucher besser zu schützen und illegale Inhalte oder gefährliche Produkte schneller aus dem Netz zu entfernen.
Für große Plattformen gelten dabei deutlich strengere Regeln als für kleinere Anbieter. Dazu gehören unter anderem:
- schnellere Reaktion auf Beschwerden;
- bessere Entfernung illegaler Inhalte;
- mehr Schutz für Kinder;
- strengere Transparenzpflichten;
- umfassendere Risikobewertungen;
- bessere Zusammenarbeit mit Behörden.
Die Strafe gegen Temu ist erst die zweite große Sanktion auf Grundlage des DSA. Bereits zuvor war Elon Musks Plattform X mit einer hohen Geldstrafe belegt worden.
Ein Experte für EU-Digitalrecht erklärt die Entwicklung so:
„Die EU will zeigen, dass die neuen Regeln nicht nur auf dem Papier existieren. Gerade große Plattformen sollen spüren, dass Verstöße teuer werden können.“
Warum Influencer und Algorithmen jetzt untersucht werden
Die EU-Kommission kritisiert nicht nur die angebotenen Produkte selbst. Auch die Struktur der Plattform steht im Fokus. Besonders Empfehlungssysteme und Werbung durch Influencer könnten laut Behörde dazu beitragen, riskante Produkte stärker zu verbreiten.

Dadurch geraten erstmals auch Algorithmen stärker in den Mittelpunkt solcher Verfahren. Die EU befürchtet offenbar, dass besonders aggressive Produktempfehlungen problematische Artikel zusätzlich pushen könnten.
Moderne Online-Marktplätze verkaufen Produkte längst nicht mehr nur über klassische Suchfunktionen. Empfehlungssysteme und Influencer-Marketing beeinflussen zunehmend, was Millionen Menschen kaufen.
Die Untersuchung gegen Temu ist deshalb nicht nur ein Verfahren gegen einzelne Produkte, sondern auch gegen die Mechanismen moderner Plattformen.
Welche Folgen die Strafe jetzt haben könnte
Temu muss die verhängte Strafe nicht nur bezahlen, sondern auch seine internen Prozesse verbessern. Andernfalls könnten weitere Sanktionen folgen. Die EU-Kommission schließt sogar tägliche Strafzahlungen nicht aus.
Zusätzlich laufen weitere Untersuchungen gegen das Unternehmen. Dabei geht es unter anderem um den Zugang von Forschern zu Plattformdaten und um Maßnahmen gegen illegale Produkte.
| Mögliche Folgen für Temu | Bedeutung |
| 200 Millionen Euro Strafe | sofortige finanzielle Belastung |
| strengere Kontrollen | höhere Kosten für Plattform |
| mögliche Zusatzstrafen | bei fehlender Umsetzung |
| mehr Prüfungen durch Behörden | zusätzlicher Druck |
| Reputationsschäden | Vertrauensverlust bei Kunden |
Auch andere chinesische Plattformen wie Shein und Aliexpress geraten zunehmend ins Visier europäischer Behörden.
Warum immer mehr Pakete aus China nach Europa kommen
Ein wichtiger Hintergrund der aktuellen Debatte ist die enorme Zunahme billiger Direktimporte aus China. Laut EU-Kommission kamen 2024 täglich rund zwölf Millionen Pakete in der Europäischen Union an. Das ist deutlich mehr als in den Vorjahren.
Die europäischen Zollbehörden stoßen dadurch zunehmend an ihre Grenzen. Millionen kleine Sendungen lassen sich nur schwer vollständig kontrollieren. Genau das erhöht aus Sicht der EU das Risiko gefährlicher Produkte.
Deshalb plant die Europäische Union zusätzliche Maßnahmen:
- neue Abgaben auf Billigimporte;
- strengere Zollkontrollen;
- höhere Transparenzpflichten;
- schärfere Regeln für Online-Marktplätze;
- neue Gebühren für Importpakete.
Ab Juli soll für Pakete mit Warenwerten bis 150 Euro zunächst eine zusätzliche Abgabe von drei Euro gelten. Weitere Änderungen könnten in den kommenden Jahren folgen.
Verbraucher bleiben trotz Kritik bei Temu aktiv
Trotz aller Kritik bleibt Temu in Europa extrem beliebt. Viele Verbraucher schätzen die niedrigen Preise und die große Produktauswahl. Gerade in Zeiten hoher Inflation achten zahlreiche Haushalte stärker auf günstige Angebote.
Gleichzeitig wächst jedoch die Skepsis. Verbraucherschützer warnen seit Langem davor, bei extrem billigen Produkten besonders vorsichtig zu sein. Viele Kunden fragen sich inzwischen, ob niedrige Preise am Ende zulasten von Sicherheit, Qualität oder fairen Wettbewerbsbedingungen gehen.
Ein Nutzer beschreibt seine Erfahrung so:
„Die Preise sind oft unglaublich niedrig. Aber nach den ganzen Berichten schaut man inzwischen viel genauer hin.“
Die EU-Kommission will mit der hohen Strafe offenbar ein deutliches Signal senden: Große Online-Plattformen sollen stärker Verantwortung für die Produkte übernehmen, die über ihre Systeme verkauft werden. Gerade bei Millionen europäischen Kunden steigt der politische Druck, gefährliche Billigprodukte aus dem Verkehr zu ziehen und den digitalen Handel strenger zu kontrollieren.