„Es sieht so aus, als würden wir langsam verlieren“: Mychajlo Fedorow warnt vor einer Niederlage der Ukraine

Der frühere ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow warnt vor einer schleichenden Verschlechterung der militärischen Lage. Er fordert technologische Reformen, eine neue Strategie und schnellere Entscheidungen in Kyjiw.

13 Min lesen
„Es sieht so aus, als würden wir langsam verlieren“: Mychajlo Fedorow warnt vor einer Niederlage der Ukraine

Der frühere ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow warnt vor einer entscheidenden Phase im Krieg gegen Russland. Nach seiner Einschätzung hat die Ukraine nur noch ein begrenztes Zeitfenster, um militärische und politische Entscheidungen zu treffen, die den Verlauf des Krieges verändern könnten, die  monrose.de berichtet mit tagesspiegel.de.

Fedorow zeichnet dabei ein deutlich kritischeres Bild als die ukrainische Staatsführung. Er spricht von fehlender strategischer Koordination, nicht ausreichend genutzten Technologien sowie Problemen durch Korruption und Patronagenetzwerke. Gleichzeitig betont der 35-Jährige, dass er einen ukrainischen Erfolg weiterhin für möglich hält.

Fedorow sieht die Ukraine an einem Wendepunkt

Nach seiner Entlassung aus dem Verteidigungsministerium geht Fedorow mit der bisherigen Kriegsführung zunehmend offen ins Gericht. Seine zentrale Aussage: Die Ukraine verfüge weiterhin über Möglichkeiten, Russland militärisch unter Druck zu setzen, müsse diese aber wesentlich schneller und koordinierter einsetzen.

„Ich glaube, dass wir jetzt an einem Wendepunkt stehen, der unseren weiteren Kurs bestimmen wird.“

Noch deutlicher fällt seine Einschätzung der gegenwärtigen Entwicklung aus. Nach Fedorows Darstellung sieht es derzeit danach aus, als verliere die Ukraine den Kampf schrittweise. Das sei jedoch nicht gleichbedeutend mit einer bereits feststehenden Niederlage.

Er sieht vielmehr ein Zeitfenster von einigen Monaten, in dem wichtige Entscheidungen getroffen werden müssten. Dabei gehe es sowohl um die Organisation des Staates und der Streitkräfte als auch um den konsequenten Einsatz neuer militärischer Technologien.

Fedorows Botschaft besteht aus drei Teilen. Die militärische Lage sei ernst, eine Wende aber weiterhin möglich. Dafür brauche die Ukraine eine übergreifende Strategie statt voneinander getrennter Einzelprojekte.

Fehlende Strategie und Korruption als zentrale Probleme

Der ehemalige Minister kritisiert nicht nur militärische Entscheidungen. Nach seiner Darstellung bremsen auch strukturelle Probleme innerhalb staatlicher Institutionen die ukrainische Verteidigungsfähigkeit.

Dazu zählt Fedorow mehrere Bereiche:

  • fehlende Abstimmung zwischen neuen Technologien und klassischen militärischen Strukturen,
  • Korruption und etablierte Patronagenetzwerke,
  • zu geringe Eigenständigkeit staatlicher Institutionen,
  • langsame Einführung bereits verfügbarer militärischer Innovationen,
  • Defizite bei Beschaffung und Organisation,
  • fehlende langfristige Planung für einzelne Frontabschnitte und Waffensysteme.

Seine Kritik ist politisch brisant, weil Fedorow selbst bis Juli 2026 Teil der Regierung und für die ukrainische Verteidigungspolitik verantwortlich war. Das Präsidialamt reagierte entsprechend zurückhaltend und verwies darauf, dass Fedorow während seiner Amtszeit wesentlich positiver über den Kriegsverlauf gesprochen habe.

„Es sieht so aus, als würden wir langsam verlieren“: Mychajlo Fedorow warnt vor einer Niederlage der Ukraine
„Es sieht so aus, als würden wir langsam verlieren“: Mychajlo Fedorow warnt vor einer Niederlage der Ukraine

Damit entsteht ein grundsätzlicher Streit über die Bewertung seiner Aussagen. Fedorow präsentiert sie als Warnung eines früheren Insiders, während seine Kritiker darin auch eine Folge des politischen Konflikts nach seiner Entlassung sehen.

Drohnen und künstliche Intelligenz sollen Front verändern

Einen Schwerpunkt seiner Vorstellungen bilden autonome Systeme. Fedorow setzt seit Jahren auf eine stärkere Technologisierung der ukrainischen Streitkräfte und sieht darin eine Möglichkeit, Russlands zahlenmäßige Vorteile teilweise auszugleichen.

Besonders relevant seien nach seinen Vorstellungen autonome oder teilautonome Drohnen, die durch künstliche Intelligenz gesteuert oder unterstützt werden. Hinzu kommen preisgünstige Abfangsysteme gegen russische Luftangriffe und der Ausbau eigener ukrainischer Raketenprogramme.

Fedorows Konzept geht jedoch über einzelne Waffen hinaus. Er beschreibt eine Front, an der elektronische Sensoren gegnerische Bewegungen frühzeitig erkennen. Unbemannte Fahrzeuge am Boden und Drohnen in der Luft sollen anschließend möglichst viele Aufgaben übernehmen, für die heute noch Soldaten eingesetzt werden müssen.

„Es gibt bereits Technologien, die die Russen vollständig aufhalten könnten, aber unser Mangel an Weitsicht führt dazu, dass wir sie nicht einsetzen.“

Die Aussage zeigt, worin Fedorow das Hauptproblem sieht. Nicht jede benötigte Technologie müsse erst entwickelt werden. Ein Teil existiere bereits, werde aber seiner Ansicht nach nicht systematisch miteinander verbunden und nicht schnell genug in großem Maßstab eingesetzt.

Was Fedorow militärisch verändern will

Die technologische Strategie des Ex-Ministers lässt sich in mehrere Bereiche unterteilen. Entscheidend ist für ihn die Verbindung unterschiedlicher Systeme zu einem gemeinsamen militärischen Netzwerk.

BereichFedorows AnsatzErwarteter Effekt
Drohnenmehr autonome Systemeweniger Soldaten direkt gefährden
Luftverteidigunggünstige Abfangraketen ausbauenrussische Raketen und Drohnen effizienter bekämpfen
SensorenFrontabschnitte elektronisch überwachenGegner früher erkennen
Raketenukrainische Eigenentwicklung verstärkenZiele in größerer Entfernung erreichen
Logistikrussische Versorgung systematisch angreifenDruck auf Frontverbände erhöhen
FührungTechnologien zentral koordinierenvorhandene Systeme besser kombinieren

Dabei richtet sich sein Blick auch auf die von Russland besetzte Krim. Fedorow hält es für möglich, russische Logistik und militärische Versorgung dort noch stärker unter Druck zu setzen. Nach seiner Einschätzung bleiben dafür allerdings nur einige Monate, bevor Russland seine Gegenmaßnahmen an die ukrainische Taktik anpassen könnte.

Ukraine setzt stärker auf Angriffe im russischen Hinterland

Die militärische Lage lässt sich nicht allein an Geländegewinnen messen. Russland rückt im Donbass weiterhin vor, allerdings langsamer als in früheren Phasen. Zugleich setzt Moskau seine Raketenangriffe gegen ukrainische Industrie, Lager und andere Infrastruktur fort.

Für die Ukraine stellt insbesondere die Abwehr ballistischer Raketen ein Problem dar. Solche Ziele sind wesentlich schwieriger abzufangen als viele konventionelle Drohnen. Gleichzeitig sind hochwertige Abfangraketen begrenzt verfügbar.

Kyjiw verfolgt deshalb parallel eine Strategie zunehmender Angriffe weit hinter der russischen Front. Ukrainische Drohnenangriffe richten sich unter anderem gegen militärische Logistik, Industrieanlagen und Ölverarbeitung. Beschädigungen russischer Raffinerien können dabei nicht nur militärische Folgen haben, sondern auch Versorgung und Treibstoffmarkt treffen.

Die Strategie zeigt einen grundlegenden Wandel des Krieges. Die Entfernung zur eigentlichen Front verliert durch weitreichende Drohnen und Raketen teilweise an Bedeutung.

Warum Fedorow im Juli sein Amt verlor

Fedorow war nur rund sechs Monate Verteidigungsminister. Im Juli wurde er im Zuge eines größeren Regierungsumbaus von Präsident Wolodymyr Selenskyj aus dem Amt entfernt. Seine Entlassung löste Proteste in Kyjiw und weiteren ukrainischen Städten aus.

Der frühere Minister galt insbesondere bei jüngeren Ukrainern und in technologisch orientierten Teilen der Gesellschaft als Reformer. Er hatte Veränderungen bei militärischer Beschaffung und Mobilisierung angestoßen und geriet zugleich zunehmend in Konflikt mit etablierten Strukturen innerhalb des Verteidigungsapparats.

Zu den Konfliktlinien gehörten unter anderem:

  • Transparenz bei Beschaffungsentscheidungen,
  • die Geschwindigkeit militärischer Reformen,
  • Zuständigkeiten zwischen politischer und militärischer Führung,
  • die Rolle neuer Technologien,
  • Prioritäten bei den Verteidigungsausgaben.

Der Konflikt bekam dadurch eine politische Dimension, die weit über einzelne Rüstungsprojekte hinausging. Die Proteste nach Fedorows Entlassung zeigten zunächst, dass seine Reformagenda in einem Teil der Bevölkerung beträchtliche Unterstützung hatte.

Streit um Milliarden im Verteidigungshaushalt

Zusätzliche Spannungen entstanden durch den ukrainischen Verteidigungshaushalt. Selenskyj erklärte, das Vorziehen geplanter Ausgaben habe eine Finanzierungslücke in Milliardenhöhe hinterlassen. Fedorow weist diese Darstellung zurück.

Nach seiner Version hatte das Verteidigungsministerium während seiner Amtszeit einen Finanzierungsplan entwickelt, der Einsparungen bei neuen Beschaffungsverfahren und internationale Unterstützung berücksichtigen sollte.

Damit steht Aussage gegen Aussage. Der Streit ist politisch besonders relevant, weil militärische Innovation hohe Investitionen erfordert. Wer Drohnenproduktion, Abfangsysteme, elektronische Kriegsführung und Raketenprogramme gleichzeitig ausbauen will, braucht erhebliche finanzielle Ressourcen.

Technologische Überlegenheit entsteht nicht allein durch erfolgreiche Prototypen. Entscheidend sind Stückzahlen, Finanzierung und die schnelle Einführung an der Front. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Entwicklung und Massenproduktion setzt Fedorows Kritik an.

Forderung nach Wahlen verschärft Konflikt mit Selenskyj

Nach seiner Entlassung ging Fedorow noch einen Schritt weiter. Er brachte öffentlich eine Debatte über Wahlen in der Ukraine während des Krieges ins Spiel.

Damit löste er erheblichen Widerspruch aus. Selbst unter Menschen, die seine Entlassung kritisierten und an Protesten für seine Rückkehr teilnahmen, stieß die Forderung nach Wahlen während aktiver Kämpfe auf Skepsis.

Die praktischen Probleme sind erheblich. Millionen Ukrainer leben im Ausland, andere befinden sich in von Russland besetzten Gebieten. Hunderttausende dienen in den Streitkräften, während regelmäßige russische Raketen- und Drohnenangriffe die Organisation einer landesweiten Abstimmung zusätzlich erschweren.

Hinzu kommt die Rechtslage. Unter dem geltenden Kriegsrecht finden in der Ukraine keine regulären nationalen Wahlen statt.

„Es sieht so aus, als würden wir langsam verlieren“: Mychajlo Fedorow warnt vor einer Niederlage der Ukraine
„Es sieht so aus, als würden wir langsam verlieren“: Mychajlo Fedorow warnt vor einer Niederlage der Ukraine

Selenskyj warnt vor Spaltung des Landes

Präsident Wolodymyr Selenskyj lehnt Wahlen unter den aktuellen Kriegsbedingungen ab. Er argumentiert, eine solche Abstimmung könne das Land politisch spalten und damit die Verteidigungsfähigkeit schwächen.

Fedorow vertritt dagegen die Auffassung, dass eine Demokratie grundsätzlich auch kontroverse Debatten über Wahlen aushalten müsse. Ob er selbst bei einer späteren Präsidentenwahl kandidieren würde, hat er bislang nicht eindeutig festgelegt.

Diese Diskussion verändert seine politische Rolle. Aus dem ehemaligen Minister und langjährigen Verbündeten Selenskyjs wird zunehmend ein eigenständiger Akteur, dem auch Ambitionen für die Zeit nach dem Krieg zugeschrieben werden.

Fedorows Position lautet sinngemäß, dass eine Demokratie politische Diskussionen nicht aus Angst vermeiden dürfe.

Gleichzeitig zeigen Umfragen weiterhin wenig Begeisterung für Wahlen während aktiver Kampfhandlungen. Ein großer Teil der Bevölkerung bevorzugt eine Abstimmung erst nach dem Ende der Kämpfe.

Kreml nutzt Fedorows Kritik für eigene Darstellung

Moskau reagierte schnell auf die öffentlichen Auseinandersetzungen. Kremlsprecher Dmitri Peskow wertete Fedorows Kritik als Hinweis auf einen wachsenden Machtkampf innerhalb der ukrainischen Führung.

Russland versucht seit Beginn der groß angelegten Invasion regelmäßig, politische Konflikte in Kyjiw als Zeichen einer angeblichen Destabilisierung des gesamten ukrainischen Staates darzustellen. Fedorows Aussagen bieten dem Kreml deshalb eine willkommene Vorlage für die eigene Informationsstrategie.

Daraus folgt allerdings nicht automatisch, dass die innerukrainischen Auseinandersetzungen tatsächlich die von Moskau behauptete Dimension besitzen. Politische Konflikte über Militärstrategie, Personalentscheidungen und Reformen existieren dennoch und sind durch Fedorows Entlassung sichtbarer geworden.

Mychajlo Fedorow wird zum politischen Faktor

Noch vor wenigen Jahren galt Fedorow vor allem als technologieorientierter Modernisierer der ukrainischen Verwaltung. Später wurde er zu einer wichtigen Figur beim Ausbau der Drohnenindustrie und anderer digitaler Verteidigungssysteme. Seine kurze Amtszeit als Verteidigungsminister brachte ihn schließlich ins Zentrum der militärischen und politischen Machtkämpfe.

Nun verbindet er zwei Debatten miteinander: die Frage nach einer technologischen Wende im Krieg und die Frage nach der politischen Führung des Landes.

Seine Diagnose fällt hart aus. Nach Fedorows Einschätzung reicht es für die Ukraine nicht, einzelne erfolgreiche Drohnenoperationen durchzuführen oder neue Waffen zu entwickeln. Nötig sei eine Gesamtstrategie, die Innovation, militärische Führung, Finanzierung und staatliche Reformen zusammenführt.

Ob seine Vorschläge tatsächlich eine militärische Wende ermöglichen könnten, lässt sich aus einzelnen technologischen Projekten nicht ableiten. Fest steht jedoch, dass die Ukraine unter hohem Zeit-, Personal- und Finanzdruck steht und zugleich versucht, Russlands größere Ressourcen durch Innovation auszugleichen.

Fedorows Warnung dürfte deshalb auch nach seiner Entlassung politisch relevant bleiben. Der frühere Verteidigungsminister spricht von wenigen Monaten für wichtige Entscheidungen und positioniert sich gleichzeitig als Kritiker der aktuellen Führung. Damit ist Mychajlo Fedorow im Ukraine-Krieg nicht mehr nur ein ehemaliger Minister, sondern zunehmend Teil einer breiteren Debatte über Strategie, Reformen und die politische Ordnung des Landes.