Der Schweizer Pharmakonzern Novartis muss einen empfindlichen Rückschlag in seiner Medikamentenentwicklung verkraften. Der experimentelle Wirkstoff Pelacarsen, dem zeitweise Milliardenumsätze zugetraut wurden, hat in einer entscheidenden Phase-3-Studie das zentrale Behandlungsziel nicht erreicht, die monrose.de berichtet mit n-tv.de.
Die Nachricht belastete unmittelbar die Börse. Die Novartis-Papiere verloren am Montagmorgen rund 3,3 Prozent, nachdem der Konzern die enttäuschenden Studienergebnisse am Freitagabend veröffentlicht hatte. Das Problem liegt dabei nicht darin, dass Pelacarsen den vorgesehenen biologischen Zielwert verfehlt hätte. Der Wirkstoff senkte das Lipoprotein(a) bei den behandelten Patienten deutlich, doch daraus entstand kein nachweisbarer Schutz vor schweren kardiovaskulären Ereignissen.
Warum die Pelacarsen-Studie für Novartis so wichtig war
Novartis hatte große Erwartungen an das Programm geknüpft. Pelacarsen wurde gemeinsam mit dem US-Biotechnologieunternehmen Ionis Pharmaceuticals entwickelt und zielte auf einen Risikofaktor, für den bislang keine speziell zugelassene medikamentöse Therapie existiert.
Im Mittelpunkt steht Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Dabei handelt es sich um einen weitgehend genetisch bestimmten Blutfettwert, der mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden ist. Ernährung, Bewegung und andere Änderungen des Lebensstils können einen stark erhöhten Wert nur begrenzt beeinflussen.
Etwa jeder fünfte Mensch weltweit weist nach bisherigen Schätzungen erhöhte Lp(a)-Werte auf. Allein die Größe dieser Patientengruppe erklärt, weshalb die Pharmabranche das Gebiet seit Jahren intensiv beobachtet.

Pelacarsen scheiterte nicht daran, Lipoprotein(a) zu senken. Die entscheidende Frage war, ob aus niedrigeren Laborwerten tatsächlich weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle und kardiovaskuläre Todesfälle entstehen.
Genau dieser klinische Nutzen ließ sich in der großen Studie nicht ausreichend nachweisen.
Was ist Pelacarsen und wie sollte das Medikament wirken?
Pelacarsen ist ein experimenteller Wirkstoff, der die Bildung von Lipoprotein(a) reduzieren soll. Das Medikament wurde als monatliche Injektion untersucht und richtete sich an Menschen mit bereits bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung sowie erhöhtem Lp(a).
Der Ansatz galt als vielversprechend, weil dieser Risikofaktor überwiegend erblich festgelegt ist. Klassische Maßnahmen wie eine Ernährungsumstellung können zwar andere Blutfette positiv beeinflussen, bei Lp(a) sind die Möglichkeiten jedoch deutlich eingeschränkter.
Die Hoffnung lautete deshalb: Sinkt Lp(a) durch ein gezieltes Medikament stark genug, könnten bei besonders gefährdeten Patienten auch weniger schwere kardiovaskuläre Ereignisse auftreten.
| Punkt | Ergebnis der Studie | Bedeutung |
|---|---|---|
| Teilnehmer | mehr als 8.000 Patienten | sehr große Phase-3-Studie |
| Studiendauer | mehr als sechs Jahre | langfristige Beobachtung |
| Lp(a)-Wert | durch Pelacarsen gesenkt | biologischer Effekt vorhanden |
| Herzinfarkte | keine ausreichende Risikoreduktion | primäres Ziel verfehlt |
| Schlaganfälle | keine ausreichende Risikoreduktion | klinischer Nutzen nicht bestätigt |
| Marktpotenzial | Analysten erwarteten bis zu 3 bis 6 Mrd. Dollar jährlich | hoher wirtschaftlicher Rückschlag |
Die Ergebnisse zeigen damit einen entscheidenden Unterschied zwischen einem erfolgreichen Laborwert und einem erfolgreichen Medikament. Ein Wirkstoff kann einen messbaren Risikomarker verändern, ohne dass sich daraus automatisch eine ausreichende Verbesserung für Patienten ergibt.
Warum Pelacarsen trotz niedrigerer Lp(a)-Werte enttäuschte
Die Patienten der Studie waren bereits vergleichsweise intensiv behandelt. Sie erhielten moderne Therapien zur Kontrolle von Cholesterin, Blutdruck und weiteren Risikofaktoren. Dadurch lag die Messlatte für Pelacarsen hoch.
Analysten von JPMorgan verwiesen in ihrer ersten Einschätzung genau auf diesen Punkt. Wenn Patienten bereits mit effektiven Standardtherapien versorgt werden, muss ein neuer Wirkstoff einen zusätzlichen Nutzen oberhalb dieses bestehenden Schutzes zeigen. Das wird mit jeder Verbesserung der Grundversorgung schwieriger.
Auch neue Arzneimittel gegen Übergewicht und Stoffwechselerkrankungen verändern die Ausgangslage für kardiovaskuläre Studien. Moderne Therapien können gleichzeitig Körpergewicht, Blutzucker und teilweise das Herz-Kreislauf-Risiko reduzieren.
„Das sind nicht die Ergebnisse, die wir uns erhofft haben“, erklärte Novartis-Forschungschef Shreeram Aradhye nach Bekanntgabe der Resultate.
Der Manager betonte zugleich den wissenschaftlichen Wert der Daten. Die Studie liefere neue Erkenntnisse darüber, wie die Senkung von Lp(a) mit tatsächlichen Herz-Kreislauf-Ereignissen zusammenhängt.
Damit ist die grundsätzliche Forschung an Lp(a) nicht beendet. Für Pelacarsen selbst bedeutet das Verfehlen des entscheidenden Studienziels allerdings einen massiven Rückschlag.
Wie stark reagiert die Novartis-Aktie?
Die Novartis-Aktie verlor im frühen Handel rund 3,3 Prozent. Für einen Pharmakonzern dieser Größe ist eine solche Tagesbewegung deutlich, zumal sie unmittelbar auf die Bewertung eines einzelnen Entwicklungsprogramms zurückgeht.
Der Markt hatte Pelacarsen einen erheblichen wirtschaftlichen Wert zugeschrieben. Analystenschätzungen gingen im Erfolgsfall teilweise von möglichen Spitzenumsätzen zwischen drei und sechs Milliarden Dollar pro Jahr aus. Mit dem negativen Studienergebnis muss ein erheblicher Teil dieser Erwartungen neu bewertet werden.
Bei Ionis fiel die Reaktion noch kräftiger aus. Die Aktien des amerikanischen Biotech-Unternehmens verloren nach Veröffentlichung der Nachricht im nachbörslichen Handel zeitweise rund zwölf Prozent.
Für Anleger sind nun vor allem folgende Punkte relevant:
- Pelacarsen kann vorerst nicht als großer neuer Umsatztreiber eingeplant werden.
- Novartis benötigt weitere erfolgreiche Phase-3-Daten aus seiner Pipeline.
- Die bevorstehenden Resultate anderer wichtiger Medikamente gewinnen an Bedeutung.
- Auch die Bewertung konkurrierender Lp(a)-Programme steht stärker unter Beobachtung.
- Patentabläufe bei etablierten Produkten erhöhen den Druck auf neue Medikamente.
Der Kursrückgang spiegelt deshalb nicht nur die verlorenen Erwartungen an einen einzelnen Wirkstoff wider. Investoren bewerten gleichzeitig neu, wie zuverlässig Novartis seine kommende Produktgeneration aufbauen kann. Entscheidend wird sein, welche anderen Programme die entstandene Lücke füllen.
Der Rückschlag trifft Novartis in einer wichtigen Phase
Für Novartis kommt das Studienergebnis zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Der Konzern arbeitet daran, seine Medikamenten-Pipeline zu stärken, während bei etablierten Umsatzbringern der Patentschutz ausläuft oder bereits unter Druck gerät.
Besonders relevant ist das Herzmedikament Entresto. Das Präparat entwickelte sich zu einem bedeutenden Umsatzträger, doch wie bei jedem großen Pharmaprodukt nimmt mit dem Ablauf wichtiger Schutzrechte der Wettbewerb durch günstigere Alternativen zu.
Neue Blockbuster sollen solche Umsatzverluste kompensieren. Pelacarsen galt dabei als einer der Kandidaten, denen der Markt besonders großes Potenzial zutraute.
Der Fehlschlag erhöht deshalb die Aufmerksamkeit für andere Programme von Novartis. Dazu gehört Remibrutinib, das zuletzt in fortgeschrittenen Studien zur Behandlung von Multipler Sklerose positive Resultate geliefert hatte. Diese Entwicklung konnte einen Teil der Sorgen rund um die Pipeline auffangen.
Noch stärker rückt nun del-desiran in den Mittelpunkt. Der experimentelle Wirkstoff gegen eine Form der Muskeldystrophie kam durch eine milliardenschwere Übernahme in das Portfolio von Novartis. Für Investoren werden überzeugende Studiendaten auch zu einem Test dafür, ob sich diese Investition auszahlt.
Für den Kapitalmarkt zählt bei großen Pharmakonzernen nicht nur die Zahl der Forschungsprojekte. Entscheidend ist, wie viele davon tatsächlich die späte klinische Entwicklung überstehen und später relevante Umsätze erzielen können.
Genau diese Erfolgswahrscheinlichkeit hat der Pelacarsen-Rückschlag zumindest kurzfristig schlechter aussehen lassen.

Was bedeutet die Studie für Amgen und Eli Lilly?
Die Folgen reichen über Novartis hinaus. Auch andere Pharmakonzerne entwickeln Medikamente, die einen erhöhten Lp(a)-Wert senken sollen.
Unter anderem arbeiten Amgen und Eli Lilly an konkurrierenden Ansätzen. Die Aktien von Amgen gerieten nach Bekanntwerden der Pelacarsen-Daten ebenfalls unter Druck und verloren nachbörslich zeitweise rund fünf Prozent.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass konkurrierende Wirkstoffe ebenfalls scheitern werden. Unterschiede bei Wirkmechanismus, Dosierung, Stärke der Lp(a)-Senkung, Patientenwahl und Studiendesign können das Ergebnis beeinflussen.
Die zentrale Frage bleibt trotzdem dieselbe: Wie stark und bei welchen Patienten muss Lp(a) gesenkt werden, damit sich daraus ein messbarer Schutz vor Herzinfarkt oder Schlaganfall ergibt?
Die Pelacarsen-Daten erhöhen damit den Druck auf kommende Phase-3-Studien. Positive Laborwerte allein dürften Investoren künftig noch weniger überzeugen. Erwartet werden belastbare Daten zu tatsächlichen klinischen Ereignissen.
Was die Lp(a)HORIZON-Studie gezeigt hat
Die Lp(a)HORIZON-Studie war gerade wegen ihrer Größe und Dauer für die medizinische Forschung bedeutend. Mehr als 8.000 Menschen wurden über mehrere Jahre beobachtet. Damit sollte nicht nur gezeigt werden, dass ein Medikament einen Biomarker verändert, sondern dass Patienten im Alltag tatsächlich gesundheitlich davon profitieren.
Der primäre Endpunkt wurde nicht erreicht.
Das führt zu mehreren wichtigen Erkenntnissen:
- Eine deutliche Senkung von Lp(a) allein garantiert noch keinen nachweisbaren Rückgang schwerer Herz-Kreislauf-Ereignisse.
- Patienten mit bereits sehr guter Standardtherapie stellen besonders hohe Anforderungen an neue Medikamente.
- Andere Lp(a)-Wirkstoffe müssen nun beweisen, dass ihr Ansatz einen stärkeren oder anders ausgeprägten klinischen Effekt erzielt.
- Die vollständigen Studiendaten werden entscheidend sein, um mögliche Unterschiede zwischen Patientengruppen zu erkennen.
- Für Novartis verschiebt sich der Fokus stärker auf andere Medikamente der späten Entwicklung.
Novartis und Ionis wollen die kompletten Resultate auf einem kommenden medizinischen Kongress präsentieren. Erst dann dürfte sich genauer beurteilen lassen, wie stark Pelacarsen Lp(a) reduzierte, ob bestimmte Patientengruppen anders reagierten und ob sich aus den Detaildaten weitere Forschungsansätze ableiten lassen.
Pelacarsen ist medizinisch und wirtschaftlich noch nicht vollständig abgehakt
Der erste Blick auf die Ergebnisse fällt klar negativ aus. Das Medikament erreichte das entscheidende Ziel der Studie nicht, obwohl es den vorgesehenen Risikomarker senkte. Für eine mögliche Zulassung und Vermarktung als Schutz vor schweren kardiovaskulären Ereignissen ist das ein gravierendes Problem.
Gleichzeitig liefert die Studie ungewöhnlich umfangreiche Daten zu einer Patientengruppe, für die weiterhin ein erheblicher medizinischer Bedarf besteht. Rund 20 Prozent der Weltbevölkerung haben erhöhte Lp(a)-Werte, während Ernährung und Lebensstil diesen genetisch geprägten Faktor nur begrenzt verändern können.
Für Novartis richtet sich der Blick nun auf die übrige Pipeline. Nach dem Pelacarsen-Rückschlag gewinnen erfolgreiche Daten zu Remibrutinib, del-desiran und weiteren späten Entwicklungsprogrammen zusätzlich an Gewicht. An der Börse dürfte deshalb weniger die Frage entscheidend sein, ob Pelacarsen seine frühere Milliardenbewertung zurückgewinnen kann, sondern welche anderen Medikamente den erwarteten Wachstumsbeitrag übernehmen.