Statine gegen Demenz? Studie zeigt möglichen Schutzeffekt bei Diabetes

Statine senken LDL-Cholesterin und schützen vor Herzinfarkt. Eine große dänische Studie liefert nun Hinweise auf einen möglichen zusätzlichen Effekt gegen Demenz.

12 Min lesen
Statine gegen Demenz? Studie zeigt möglichen Schutzeffekt bei Diabetes

Statine gehören zu den etablierten Medikamenten zur Senkung erhöhter Cholesterinwerte und werden vor allem eingesetzt, um Herzinfarkten und Schlaganfällen vorzubeugen. Eine große dänische Untersuchung liefert nun Hinweise darauf, dass die Medikamente bei Menschen mit Typ-2-Diabetes noch einen weiteren Nutzen haben könnten: Wer früh nach der Diabetesdiagnose mit einer Statintherapie begann, entwickelte in den folgenden Jahren seltener eine Demenz als Patienten ohne entsprechende Behandlung,  die  monrose.de berichtet mit welt.de.

Besonders auffällig war der Zeitpunkt des Therapiebeginns. Wurden Statine innerhalb des ersten Jahres nach der Diagnose eines Typ-2-Diabetes eingesetzt, lag das relative Demenzrisiko über einen Zeitraum von zehn Jahren um 15 Prozent niedriger. Bei einem späteren Start zwischen dem ersten und fünften Jahr betrug die Risikoreduktion noch zehn Prozent.

Statine gegen Demenz? Studie zeigt möglichen Schutzeffekt bei Diabetes
Statine gegen Demenz? Studie zeigt möglichen Schutzeffekt bei Diabetes

Warum Cholesterin auch für das Gehirn relevant ist

Ein hoher LDL-Cholesterinspiegel wird meist mit Herz und Blutgefäßen verbunden. Zu viel LDL-Cholesterin kann Ablagerungen in den Gefäßwänden begünstigen und langfristig das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und andere Gefäßerkrankungen erhöhen.

Doch Gefäße versorgen nicht nur das Herz, sondern auch das Gehirn. Durchblutungsstörungen, Gefäßschäden und Stoffwechselerkrankungen gelten deshalb auch bei der Entstehung bestimmter Formen von Demenz als relevante Faktoren.

Menschen mit Typ-2-Diabetes sind in diesem Zusammenhang eine besonders interessante Patientengruppe. Die Erkrankung geht häufig mit weiteren Risikofaktoren wie Übergewicht, Bluthochdruck, ungünstigen Blutfettwerten und Gefäßveränderungen einher. Genau deshalb untersuchten Forscher, ob eine frühe Senkung des LDL-Cholesterins möglicherweise auch mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit verbunden ist, später an Demenz zu erkranken.

Herz und Gehirn lassen sich medizinisch nicht vollständig getrennt betrachten. Schäden an den Blutgefäßen können beide Organe betreffen. Eine gute Kontrolle klassischer Herz-Kreislauf-Risikofaktoren könnte deshalb langfristig auch für die Gehirngesundheit relevant sein.

Mehr als 132.000 Menschen mit Typ-2-Diabetes untersucht

Für die Untersuchung wertete ein Forschungsteam um Tummas Ternhamar vom Universitätsklinikum Kopenhagen Daten aus dänischen Gesundheitsregistern aus. Insgesamt wurden 132.585 Menschen mit Typ-2-Diabetes berücksichtigt.

Zu Beginn hatten die Teilnehmer noch keine Statine eingenommen. Bei ihnen wurde zwischen 2006 und 2019 Typ-2-Diabetes diagnostiziert, die weitere Beobachtung lief bis Ende 2021.

Für die Analyse teilten die Forscher die Betroffenen nach dem Zeitpunkt einer möglichen Statintherapie in drei Gruppen ein:

  • Patienten, die in den ersten fünf Jahren nach ihrer Diabetesdiagnose keine Statine erhielten
  • Patienten, die innerhalb des ersten Jahres nach der Diagnose mit Statinen begannen
  • Patienten, bei denen die Behandlung erst ein bis fünf Jahre nach der Diagnose startete

Damit sollte untersucht werden, ob nicht nur die Einnahme selbst, sondern auch der Zeitpunkt des Therapiebeginns mit dem späteren Demenzrisiko zusammenhing.

Während der Beobachtungszeit wurde erfasst, bei wie vielen Teilnehmern eine Demenz diagnostiziert wurde. Der entscheidende Unterschied zeigte sich zwischen den frühen Statinnutzern und den Menschen, die in den ersten fünf Jahren nach der Diabetesdiagnose keine Statine erhalten hatten.

Früher Statin-Start mit 15 Prozent geringerem Demenzrisiko verbunden

Das deutlichste Ergebnis betraf die Gruppe mit einem besonders frühen Therapiebeginn. Menschen, die spätestens innerhalb eines Jahres nach der Diagnose mit der Einnahme begonnen hatten, wiesen über zehn Jahre ein um 15 Prozent niedrigeres Demenzrisiko auf als die Vergleichsgruppe ohne Statinbehandlung.

Auch ein späterer Beginn war mit einem geringeren Risiko verbunden. Wurde die Statintherapie erst zwischen einem und fünf Jahren nach Feststellung des Diabetes begonnen, lag die relative Risikoreduktion bei zehn Prozent.

BehandlungsstrategieBeginn der StatintherapieDemenzrisiko im Vergleich
Keine frühe Therapiekein Statin innerhalb von fünf JahrenReferenzgruppe
Frühe Therapieinnerhalb des ersten Jahres15 Prozent niedriger
Spätere Therapiezwischen Jahr 1 und 510 Prozent niedriger

Damit ergibt sich ein auffälliges Muster: Je früher die Cholesterinsenkung nach der Diabetesdiagnose begann, desto stärker war in der Untersuchung der statistische Zusammenhang mit einem geringeren späteren Demenzrisiko.

Studienautor Tummas Ternhamar fasste die Ergebnisse dahingehend zusammen, dass bei Menschen mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes die Statineinnahme mit einem niedrigeren Demenzrisiko verbunden war und der Zusammenhang bei einem frühen Behandlungsbeginn am stärksten ausfiel.

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Statine Demenz verhindern. Genau diese Unterscheidung ist entscheidend für die Interpretation der Ergebnisse.

Statine blockieren die Cholesterinproduktion in der Leber

Statine gehören weltweit zu den häufig verwendeten Arzneimitteln. Wirkstoffe dieser Gruppe hemmen ein Enzym in der Leber, das an der körpereigenen Cholesterinproduktion beteiligt ist.

Dadurch sinkt insbesondere das schädliche LDL-Cholesterin im Blut. Bei Patienten mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko können Statine nachweislich dazu beitragen, Herzinfarkte und Schlaganfälle zu verhindern.

Bei Typ-2-Diabetes ist dieser Effekt besonders relevant, weil die Erkrankung selbst das Risiko für Gefäßschäden erhöht. Patienten mit Diabetes und erhöhten LDL-Werten haben deshalb häufig mehrere Gründe, ihre Blutfette konsequent behandeln zu lassen.

Die neue Untersuchung erweitert diese bekannte Perspektive nun um eine mögliche Verbindung zur Gehirngesundheit.

Eine frühe Cholesterinsenkung bei Menschen mit Diabetes könnte nach Einschätzung der Forscher nicht nur wegen des bekannten Herz-Kreislauf-Schutzes sinnvoll sein. Die Daten liefern zusätzlich Hinweise auf einen möglichen langfristigen Zusammenhang mit einem niedrigeren Demenzrisiko.

Warum Diabetes das Demenzrisiko beeinflussen kann

Typ-2-Diabetes betrifft den gesamten Stoffwechsel. Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte können auf lange Sicht Blutgefäße und Nerven schädigen. Gleichzeitig treten bei vielen Betroffenen weitere Erkrankungen auf, die ebenfalls mit der Gesundheit des Gehirns zusammenhängen.

Dazu gehören unter anderem:

  • erhöhter Blutdruck
  • hohe LDL-Cholesterinwerte
  • Gefäßverkalkung
  • Übergewicht
  • Bewegungsmangel
  • chronische Stoffwechselstörungen

Nicht jeder Mensch mit Diabetes entwickelt deshalb eine Demenz. Das individuelle Risiko hängt von zahlreichen Faktoren ab, darunter Alter, genetische Voraussetzungen, Lebensstil und bestehende Begleiterkrankungen.

Die Bedeutung veränderbarer Risikofaktoren nimmt dennoch zu. Experten gehen davon aus, dass ein erheblicher Teil der Demenzerkrankungen mit Faktoren verbunden ist, die zumindest teilweise beeinflussbar sind. Dazu zählen neben hohen LDL-Werten unter anderem Bluthochdruck, Rauchen, körperliche Inaktivität und Diabetes.

Was die Studie nicht beweisen kann

Die Ergebnisse klingen zunächst eindeutig, doch das Studiendesign setzt klare Grenzen. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, nicht um eine randomisierte kontrollierte Medikamentenstudie.

Das bedeutet: Die Forscher beobachteten, welche Behandlungen Patienten tatsächlich erhielten und wie sich ihre Gesundheit anschließend entwickelte. Sie teilten die Teilnehmer nicht zufällig einer Statin- oder einer Kontrollgruppe zu.

Statine gegen Demenz? Studie zeigt möglichen Schutzeffekt bei Diabetes
Statine gegen Demenz? Studie zeigt möglichen Schutzeffekt bei Diabetes

Deshalb können weitere Unterschiede zwischen den Gruppen das Ergebnis beeinflusst haben. Patienten, die früh Statine erhalten, könnten beispielsweise häufiger ärztlich betreut worden sein, Medikamente konsequenter eingenommen oder andere Risikofaktoren besser behandelt haben.

Die Wissenschaftler verwendeten statistische Verfahren, um solche Verzerrungen möglichst weit zu reduzieren. Vollständig ausschließen lassen sie sich bei einer Registerstudie jedoch nicht.

15 Prozent weniger relatives Risiko bedeutet deshalb nicht, dass Statine das Auftreten von Demenz bei jedem einzelnen Patienten um genau 15 Prozent verhindern. Die Zahl beschreibt einen statistischen Unterschied zwischen den untersuchten Gruppen. Ob die Medikamente selbst ursächlich für diesen Unterschied verantwortlich sind, muss durch weitere Forschung geklärt werden.

Warum der Unterschied zwischen relativem und absolutem Risiko wichtig ist

Prozentangaben zu Medikamentenwirkungen können leicht missverstanden werden. Eine relative Risikoreduktion beschreibt den Unterschied zwischen zwei Gruppen im Verhältnis zum Ausgangsrisiko.

Ein einfaches theoretisches Beispiel zeigt den Unterschied: Würden von 100 vergleichbaren Personen ohne Behandlung zehn erkranken und mit Behandlung acht, läge das Erkrankungsrisiko bei zehn beziehungsweise acht Prozent. Die absolute Differenz betrüge zwei Prozentpunkte, während die relative Reduktion 20 Prozent ausmachen würde.

Deshalb sollte die Aussage „15 Prozent geringeres Risiko“ nicht mit „15 von 100 Menschen bekommen keine Demenz“ gleichgesetzt werden.

Für medizinische Entscheidungen sind neben der relativen Risikoreduktion deshalb immer das persönliche Ausgangsrisiko, mögliche Nebenwirkungen, Begleiterkrankungen und der erwartbare Nutzen einer Therapie relevant.

Statine nicht eigenständig zur Demenzprävention einnehmen

Die Untersuchung liefert keinen Grund, Statine ohne medizinische Indikation allein zur Vorbeugung einer Demenz einzunehmen.

Ob ein Cholesterinsenker sinnvoll ist, hängt unter anderem vom LDL-Wert und vom individuellen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ab. Alter, Diabetes, Bluthochdruck, Rauchen, bestehende Gefäßerkrankungen und weitere Faktoren spielen bei dieser Entscheidung eine Rolle.

Auch Menschen, denen bereits Statine verordnet wurden, sollten ihre Dosierung nicht aufgrund einer einzelnen Studie verändern oder das Medikament eigenständig absetzen.

Die neue Untersuchung liefert vielmehr ein zusätzliches Argument dafür, bekannte Risikofaktoren bei Diabetes und hohem Cholesterin konsequent zu behandeln. Der etablierte Nutzen von Statinen betrifft weiterhin in erster Linie die Vorbeugung von Herzinfarkt, Schlaganfall und anderen Herz-Kreislauf-Komplikationen.

Warum der frühe Zeitpunkt besonders interessant ist

Aus wissenschaftlicher Sicht gehört der Unterschied zwischen frühem und späterem Therapiebeginn zu den spannendsten Punkten der Untersuchung. Beide Statin-Gruppen hatten ein niedrigeres Demenzrisiko als die Patienten ohne Behandlung, doch bei einem Beginn innerhalb des ersten Jahres war der Zusammenhang stärker.

Dafür gibt es mehrere denkbare Erklärungen. Eine frühere Senkung des LDL-Cholesterins könnte bedeuten, dass Gefäße über einen längeren Zeitraum weniger stark belastet werden. Gleichzeitig könnten Patienten mit einem frühen Behandlungsbeginn insgesamt intensiver medizinisch betreut worden sein.

Welche Erklärung tatsächlich überwiegt, lässt sich anhand einer Beobachtungsstudie nicht sicher beantworten.

Weitere Studien müssen deshalb zeigen, ob der frühe Beginn einer Statintherapie selbst für den beobachteten Unterschied verantwortlich ist und welche Patientengruppen davon möglicherweise besonders profitieren.

Herzschutz bleibt der wichtigste gesicherte Nutzen

Für Menschen mit Typ-2-Diabetes verändert die Studie die grundlegende Rolle von Statinen zunächst nicht. Die Medikamente werden nicht zu Demenzmitteln. Ihr gesicherter medizinischer Nutzen liegt weiterhin vor allem in der Senkung erhöhter LDL-Cholesterinwerte und der Verringerung des Herz-Kreislauf-Risikos.

Neu ist vielmehr der Hinweis, dass eine solche Behandlung langfristig möglicherweise einen zusätzlichen Nutzen für das Gehirn haben könnte.

Für Patienten mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes und erhöhtem LDL-Cholesterin spricht die Untersuchung dafür, die Frage einer geeigneten Cholesterintherapie nicht unnötig aufzuschieben. Ob sich der beobachtete Zusammenhang mit Demenz in kontrollierten Studien bestätigt, bleibt dabei die entscheidende offene Frage.